1 Allgemeine Grundlagen

Textanalyse Strukturskizze Philosophie heute

 aus: teachersparadise.com
L. WITTGENSTEIN (1889-1956) um 1930

"Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit."

 

1.1 Einleitende Übung

Ich kaufte mir keine Armbanduhr, keinen Füllfederhalter und sehr selten neue Hosen, aber ich hatte immer meinen Rechenschieber dabei. Dieses Ding faszinierte Anna, und augenblicklich musste sie auch so etwas haben. Sie lernte, Quadratwurzeln zu ziehen, bevor sie fünf und fünf zusammenzählen konnte. Mit dem linken Daumen schiebt man an dem Ding herum, und schon schreibt die rechte Hand die Ergebnisse. Es war ein Vergnügen, Anna "arbeiten" zu sehen.
"Na geht`s voran?" fragte ich. Sie wandte mir ihr ernstes Gesicht zu, und gleich darauf kam dieses Lächeln, das die absolute Freude verkündete.
Abends spielten wir beide Klavier. Ich konnte ein paar einfache Stücke. Ein bisschen Mozart, ein bisschen Chopin, Sachen wie Anitas Tanz. Außer dem Klavier gab es natürlich noch meine elektrischen Spielereien. Einen Verstärker und das magische Auge, das die verschiedenen Tonhöhen in tanzendes grünes Licht verwandelte, ein Zauberding, von dem Anna sich schwer trennte. Da saßen wir stundenlang und schlugen einzelne Töne an, und das magische Auge machte daraus die Farbe Grün.
Und erst das Mikrophon. Was für Töne entdeckten wir, Anna und ich. Eine Raupe, die an einem Blatt fraß, klang wie ein hungriger Löwe, die Fliege im Marmeladenglas dröhnte wie ein Düsenjet, und riss man ein Streichholz an – das Mikrophon machte daraus eine tobende Explosion. Tausend neue Töne gab es plötzlich. Anna hatte eine unbekannte Welt gefunden, die es weiter und weiter zu entdecken galt. Wie viel ihr diese Welt wirklich bedeutete, ahnte ich nicht. Mir genügte ihre Freude und Begeisterung.
Aus: FYNN, Hallo Mr. Gott, hier spricht Anna!

Fragen zum Text:
Welche Kenntnisse aus dem Fach Psychologie kann ich zur Interpretation verwenden?
Was hat dieser Text mit Philosophie zu tun?
Habe ich mir so etwas unter einem philosophischen Text vorgestellt?
Können Kinder philosophieren?
Was bedeutet der Text für mich persönlich?

 

1.2 Schema zur Textanalyse

Vorverständnis:
Sprache, Lebensgeschichte und Erkenntnisinteresse von Interpret und Autor

Textimmanente Deutung:
Analyse von Begriffen, Struktur des Textes

Philosophischer Gehalt:

  erkenntnistheoretisch-wissenschaftliche Ebene
  ethisch-praktische Ebene (Normen, Werte, moralische Appelle)
  historisch-soziale Ebene
  metaphysische Ebene

Mögliche theoretische und praktische Konsequenzen für mich:
Weltanschauung, Orientierungssysteme und Lebenspraxis betreffend

 

1.3 Strukturskizze/Fragedimensionen der Philosophie

Abb. (C) Heinz Hartmann nach PÄTZOLD, "Ancillae scientiae" oder "ars disputatoria?"


1.4 Stellung der Philosophie heute

  • im Kreise der Wissenschaften

Abb. (C) Heinz Hartmann nach ANZENBACHER, Einführung in die Philosophie

  • gegenüber den Einzelwissenschaften

Während sich die Universalwissenschaften (Philosophie, Theologie) mit dem gesamten menschlichen Erfahrungsbereich sowie den Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Ganzen beschäftigen, setzen sich die Einzelwissenschaften mit einem mehr oder weniger großen Teil der Wirklichkeit (thematische Reduktion) auseinander. Sie sind außerdem gekennzeichnet durch die Verwendung ganz bestimmter Methoden (methodische Abstraktion).
Die Formalwissenschaften (Mathematik, Logik) suchen mit Hilfe logischer Mittel (eine Formel ist ein Ergebnis logischer Beziehungen) formale Beziehungen herauszufinden. Aus diesem Grunde stellen sie vielfach ein Hilfsmittel für andere Wissenschaften dar.

  • im Verhältnis zur Psychologie

Die Psychologie hat das Ziel herauszufinden, wie die menschliche Psyche funktioniert. Sie versucht u.a. die Frage zu beantworten, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden oder warum sich ein Mensch in entsprechender Situation so oder so verhält.
Die Philosophie hinterfragt scheinbar Selbstverständliches. Sie fragt nicht nur danach, wie der Mensch denkt, sondern auch was und warum er denkt und was Denken überhaupt bedeutet.
Der Psychologe fragt: "Wie erleben wir Zeit?"
Der Philosoph fragt: "Was ist Zeit?"
Ein Psychologe wird fragen ob es wahr sei, dass menschliche Aggressivität gelernt sei.
Ein Philosoph wird fragen, was Wahrheit sei.

Einige Begriffspaare mögen zur Veranschaulichung dienen:

Abb. (C) Heinz Hartmann, 2000

 

1.5 Antriebe zum Philosophieren

  • Staunen/Bewunderung
  • Suchen/Orientieren
  • Aufklärungsbedürfnis
  • Sinnfrage

 

1.6 Wozu Philosophie?

um
zu staunen und zu fragen
sich Wissen anzueignen versuchen
nach Wahrheit/Weisheit zu streben
Selbstverständliches in Frage zu stellen
sich der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis bewusst zu werden
den Irrtum als Erkenntnisgewinn zu akzeptieren
zu begründen und zu erklären
Widersprüche zu beseitigen
praxisferne Spekulationen anzustellen
in der Theorie das Glück zu finden
soziales Engagement durch Argumente zu untermauern
gesellschaftliche Widersprüche aufzuzeigen
das kompetenzlose Gerede über Gott und die Welt (MARQUARD: "Inkompetenzkompensationskompetenz") zu beherrschen


Übungen:
Wie würde ich die Welt sehen, wenn ich ein Schmetterling wäre?
Blicke in einer sternenklaren Nacht nach oben: Ist diese Welt der menschlichen Vernunft zugänglich?
Was bedeutet es für mich, glücklich zu sein?


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