3 Erkenntnis

Empirismus Rationalismus Kritizismus Intuitionismus Evolutionäre Erkenntnis Wahrheit Wissenschaft

Das Streben des Menschen nach Erkenntnis, deren Ziel die Wahrheit ist, leitet sich aus seinem Orientierungsbedürfnis her. In diesem Erkenntnisprozess nun geht es um drei Komponenten:
Ein Subjekt versucht, mittels einer bestimmten Methode ein bestimmtes Objekt zu erkennen.

Bei der Beurteilung der Frage, ob Erkenntnis für den Menschen überhaupt möglich sei, gibt es verschiedene Positionen:
Der Skeptizismus stellt die Beweisbarkeit von Wahrheit grundsätzlich in Frage. GORGIAS von Leontinoi (ca. 485 - ca. 380 v.Chr.), neben PYRRHON von Elis (ca. 360 - ca. 270 v.Chr.) und PROTAGORAS (ca. 480 - 421 v.Chr.), ein Hauptvertreter des antiken und radikalen Skeptizismus, meint: "Wenn es etwas gäbe, so wäre es nicht erkennbar; und selbst wenn es erkennbar wäre, so wäre es doch nicht mitteilbar."
Dem gegenüber steht der Dogmatismus, der blind auf die Erkenntnisfähigkeit des Menschen vertraut.
Eine Zwischenposition nimmt der Kritizismus ein. Er behauptet, die menschliche Erkenntnis sei zwar begrenzt, aber durch kritische Prüfung durchaus möglich.
Aus all diesen unterschiedlichen Perspektiven haben sich wesentliche Hauptströmungen der Erkenntnistheorie ergeben.


3.1 Der Empirismus

Der Empirismus geht davon aus, dass Erkenntnis und Wissen nur auf Grund der (Sinnes-) Erfahrungen möglich sind, und nimmt daher die erkenntnistheoretische Gegenposition zum Rationalismus ein.

 

3.1.1 Der klassische Empirismus

In der Antike beschäftigten sich hauptsächlich ARISTOTELES (384-322 v.Chr., Entwicklung der klassischen formalen Logik, Erkenntnis auch durch Induktion, Gegner der Extreme) sowie EPIKUR (341-270 v.Chr.)von Samos, mit dem Empirismus.
Diese Anschauung erlebte im Großbritannien des 17. und 18. Jahrhunderts im klassischen Empirismus mit folgenden Vertretern eine Renaissance bzw. einen Höhepunkt:

Francis BACON (1561-1626), John LOCKE (1632-1704), David HUME (1711-1776).

 alle aus: pensament.com

Als Zeitgenosse von Galileo GALILEI (1564-1642) war Francis BACON einer der Mitbegründer der experimentellen Forschung. Die Philosophie der Renaissance hoffte, sich vom Primat der Scholastik lösend, auf die Beherrschung der Natur durch die Technik ("Wissen ist Macht").
John LOCKE ging davon aus, dass es kein angeborenes Wissen (Ideen) gebe, so dass vor dem ersten Sinneseindruck das menschliche Bewusstsein leer sei, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (tabula rasa): "Jede Erkenntnis kommt durch die Erfahrung."
Als Sonderform des Empirismus gilt der Sensualismus, der alle Erkenntnis auf Sinneswahrnehmungen, also letztlich auf physiologische Reize zurückführt. Kennzeichnend für diese Anschauung ist die Formel LOCKE`s, Vater des modernen Sensualismus: "Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu". "Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war".

David HUME ist ebenfalls den Sensualisten zuzurechnen, geht aber noch weiter als LOCKE: Er baut seine Erkenntnistheorie ohne metaphysische Elemente auf: "Letztlich sind alle Inhalte des Bewusstseins Sinneswahrnehmungen" oder "Das Bewusstsein ist ein Bündel von Sinneswahrnehmungen."

  perceptions Sinneswahrnehmungen  
impressions Eindrücke   ideas Vorstellungen
  simple ideas: Reflexion von impressions complex ideas: Reflexion von ideas

Aus dieser Erkenntnistheorie entwickelte HUME seine Assoziationsgesetze, die teilweise von der modernen Psychologie bestätigt sind: Assoziationen erfolgen durch

  Ähnlichkeit: Wärme - Hitze, böse - schlecht
  temporale oder lokale Nähe --> Kohärenzfaktoren
  Kausalzusammenhang: Kuh - Milch, Henne - Ei, Blitz - Donner


Bei genauerer Untersuchung des Kausalprinzips aber kam HUME zu dem Ergebnis, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen zwei Phänomenen in der Natur nicht beobachtbar ist und stellte das Prinzip deshalb in Frage, d.h. er akzeptierte die Kausalität wohl als Prinzip unseres Verstandes, aber nicht als Prinzip der Empirie.
Während unser Verstand aus der Tatsache, dass das Phänomen B regelmäßig auf Phänomen A folgt, den Schluss zieht, A sei die Ursache der Wirkung B, so ist dieser Schluss nach HUME - streng empirisch - unzulässig. Allein die zeitliche Abfolge könne wirklich beobachtet werden (vgl. versteckte Kamera: Autotür - Hupe).
Außerdem würde eine noch so oft beobachtete Abfolge von Ereignissen nicht mit Sicherheit einen gültigen Schluss für zukünftige Ursache-Wirkungs-Verknüpfungen zulassen. Damit wirft HUME das moderne Induktionsproblem auf, mit dem sich auch Karl POPPER wieder ausführlich beschäftigt.
Bei der Induktion werden aus mehreren Einzelbeobachtungen allgemeine Schlüsse gezogen. Der Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere wird Deduktion genannt.


3.1.2 Der logische Empirismus (Neopositivismus) des Wiener Kreises

 aus: es.wikipedia.org
Moritz SCHLICK

Der logische Empirismus entwickelte sich in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Wiener Kreis. Der Wiener Kreis war das Privatseminar von Moritz SCHLICK(1882-1936). Weitere wichtige Mitglieder waren:
Rudolf CARNAP (1891-1970) Logiker, Mathematiker und Philosoph
Gottlob FREGE (1848-1925) Mathematiker, beide aus D,
Victor KRAFT (1880-1975), Physiker und Mathematiker, A

Kurt GÖDEL (1906-1978), Mathematiker und Logiker aus A war ein Vertreter des logischen Empirismus, war aber nicht Mitglied des Wiener Kreises.
Kontakt zum Wiener Kreis hatten auch Ludwig WITTGENSTEIN (1889-1951) sowie Karl POPPER (1902-1994), die sich aber von manchen Ansichten des Wiener Kreises immer wieder distanzierten.
Aufgrund der Machtübernahme der Nazis mussten viele der Philosophen – wegen ihrer jüdischen Herkunft - in die USA emigrieren, wo diese Weiterentwicklung des klassischen Empirismus sehr erfolgreich war.

Der logische Empirismus knüpfte an die empiristische Tradition an, wobei hier vor allem der Positivismus des 19. Jahrhunderts (COMTE, MILL) zu erwähnen ist und in diesem Zusammenhang besonders auch der Name Ernst MACH (1838-1916). Der Positivismus geht wie der Empirismus davon aus, dass nur die durch Beobachtung wahrnehmbaren positiven Tatsachen Quellen der Erkenntnis sein können; im Gegensatz zum klassischen Empirismus lehnte er darüber hinaus strikt jede Variante von Metaphysik ab. Die drei "Säulen" des logischen Empirismus sind:

Materialismus, Empirismus und Szientismus (nur Wissenschaft bringt Wahrheit!):

Theorien als wissenschaftliche Aussagesysteme müssen dabei folgenden Bedingungen genügen:

  • Sie müssen sich nach den Gesetzen der Logik richten, d.h. sie müssen formal-logisch richtig sein (Postulat der Rationalität).
  • Theorien enthalten allgemein gültige Aussagen über einen Realitätsbereich (Postulat der Allgemeingültigkeit).
  • Wissenschaftliche Aussagen dürfen nur wertfreie Aussagen enthalten. Alle Wertungen, jegliche Normierung menschlichen Handelns durch Wissenschaft, sind nicht Teil einer wissenschaftlichen Theorie. Theorien sind daher kausal-erklärende und keine normierenden (handlungsvorschreibenden) Aussagesysteme (Postulat der Wertfreiheit). Die Unterscheidung zwischen sogenannten "Ist" und "Soll"-Sätzen geht auf HUME zurück.
  • Jede wissenschaftliche Theorie muss an der Wirklichkeit überprüfbar sein. Sie muss sich an ihr verifizieren lassen (Postulat der Nachprüfbarkeit), Methode der Verifikation.

Weitere wichtige Merkmale der Philosophie des Wiener Kreises:

  Ablehnung der Metaphysik (als sinnlos) -->"babig" (Wortkreation von CARNAP)
  exakte Analyse der Prinzipien, Methoden und der Sprache der Wissenschaft
  Ausbau der klassischen Logik (um Aussagen- und Prädikatenlogik)
  Logik und Erfahrung als Erkenntnisquellen. Nur logisch-analytische Sätze und empirische Erfahrungstatsachen sind wissenschaftlich sinnvoll.

3.1.3 Allgemeine Kritik am Empirismus
  Sinnesdaten sind begrenzt und unzuverlässig:
Reizschwellen, Sinnestäuschungen
  Sinneserfahrungen haben oft nichtsinnliche Voraussetzungen:
Hypothesen, A priori - Wissen
psychische Kräfte, unbewusste Impulse,
Interessen und Zielvorstellungen,
Erwartungen und Einstellungen
  Wahrnehmen heißt nicht Abbilden, sondern auswählen, filtern und ergänzen:
kreatives Denken,
Willensentscheidungen und -handlungen,
Motive bzw. Ziele
 

Verstand ordnet chaotische Sinneseindrücke (Rationalismus)

Intuition ist wertvoller und daher vorrangig (Intuitionismus)

 

3.2 Der Rationalismus

Der Rationalismus, erkenntnistheoretische Gegenbewegung zu Empirismus bzw. Sensualismus, betont den Anteil der Vernunft an unserer Erkenntnisleistung gegenüber der sinnlichen Wahrnehmung sowie der Gefühls- und Willensebene.
Wie zumeist in der europäischen Philosophie sind die Anfänge aller wichtigen Strömungen in der Antike zu suchen: PLATON war mit seiner Ideenlehre der erste wirkliche Rationalist. Zwischen ihm und seinem Schüler ARISTOTELES kommt dann erstmals die Differenz von Rationalismus und Empirismus zum Tragen, welche für die abendländische Philosophie bis in unser Jahrhundert hinein von großer, ja zentraler Bedeutung war.
Trotzdem ist ARISTOTELES (und mit ihm die ganze Philosophie des Mittelalters) ontologisch als Idealist zu bezeichnen, da er das im Begriff Gedachte als das wahrhaft Seiende ansieht.

 

3.2.1 Der klassische Rationalismus

René DESCARTES (1596-1650), Gottfried Wilhelm LEIBNIZ (1646-1716) und Baruch de SPINOZA(1632-1677) sind die Hauptvertreter dieser philosophischen Strömung. Der Rationalismus des 17. Jahrhunderts war die Alternative des Kontinents zum Empirismus Englands.

Zum Leib-Seele-Problem: Seit der Antike stellt sich die Frage, wie Leib (Körper) und Seele (Geist, Bewusstsein) zueinander stehen, ob sie überhaupt als zwei verschiedene Qualitäten anzusehen sind.
Der cartesianische Dualismus geht davon aus, dass Seele und Leib als zwei verschiedene Substanzen (res cogitans und res extensa) anzusehen sind, die miteinander in Wechselwirkung stehen.
Der Deist LEIBNIZ sieht in den beiden ebenso zwei Substanzen, geht aber von einer parallelen Entwicklung aus. SPINOZA schließlich hält Leib und Seele für Attribute einer göttlichen Substanz: Jeder Zustand dieser Substanz hat einen körperlichen und geistigen Ausdruck, ohne dass zwischen beiden eine kausale Beziehung bestünde. Leib und Seele könnten so bildhaft als zwei Seiten einer Medaille, als zwei verschiedene Erscheinungsbilder einer kombinierten Konvex-Konkav-Linse (Linsen-Analogie) bezeichnet werden.

 aus: pensament.com
DESCARTES, LEIBNIZ und SPINOZA

Der cartesianische Rationalismus: Den Ausgangspunkt der cartesianischen Betrachtungen bildet der Satz: "Dubito, ergo sum." Das ist eine radikale Aufforderung, alles in Zweifel zu ziehen. Dem folgt die Erkenntnis, dass alles in Frage gestellt werden kann, bis auf das Zweifelnde selbst, das denkende Ich: "Cogito, ergo sum."
So wird das denkende Ich (res cogitans) durch seine Korrespondenz mit der Außenwelt (res extensa) zum Ausgangspunkt des Rationalismus. Im Gegensatz zum Empirismus kann der Mensch nur durch Nachdenken, durch Vernunft, nicht durch Sinneserfahrungen zu absoluter Gewissheit gelangen. Der Weg zur Erkenntnis führe also von der autonomen Vernunft zur Welt der Erscheinungen und nicht umgekehrt.
Neben dem denkenden Ich gibt es für den klassischen Rationalismus noch eine nicht bezweifelbare Gewissheit, nämlich Gott. Die unbezweifelbaren Prinzipien der menschlichen Vernunft seien von Gott empfangen und daher a priori, d.h. von vornherein im Verstand.

DESCARTES’ wie LEIBNIZ’ wissenschaftliches Ideal stellt die Mathematik dar, da ein mathematischer Satz (z. B. "2+3=5" oder "ein Kreis ist rund.") keine empirische Erkenntnis, also keine Wahrnehmung, sondern logische Einsicht und mit Gewissheit verbunden ist.


3.2.2 Der kritische Rationalismus

 aus: pensament.com
Sir Karl Raimund POPPER (1902-1994), A/GB

Weitere Vertreter dieser Denkrichtung:
Hans ALBERT (*1921), D
Ernst TOPITSCH (1919-2003), A
Paul K. FEYERABEND (1924-1994), A

Die Schule des Kritischen Rationalismus wurde von Karl POPPER durch die Herausgabe seines Werkes "Logik der Forschung" (1934) begründet. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt sie allerdings erst etwa in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.
"Eine Annäherung an die Wahrheit ist möglich ... sicheres Wissen ist uns versagt. Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen."
So nimmt diese Richtung an, dass es kein absolut sicheres Wissen gebe, was auch zur Folge hat, dass die Letztbegründung moralischer Normen als nicht möglich angesehen wird. Da es also keine allgemeinverbindlichen Normen gebe, sei der einzig sinnvolle Weg jener der schrittweisen Verbesserung konkreter Missstände (Sozialtechnik: Reform in kleinen Schritten).
Zum methodischen Grundprinzip wird die Falsifikation. Diese Einstellung nennt man Fallibilismus. Die Verifikation, die wesentlich mit der Induktion (Generalisierung von Einzelbeobachtungen) verknüpft ist und mit der die Wissenschaft zu einem hohen Anteil arbeitet, wird als "nicht die beste Möglichkeit wissenschaftliche Fortschritte zu machen" abgelehnt.
Bei der Falsifikation bemüht man sich nicht um eine Bestätigung einer Hypothese, sondern vielmehr um deren Widerlegung. Dies entspringt der Einsicht, dass eine Bestätigung niemals ein endgültiger Beweis sein kann, dass ein einziges Gegenbeispiel aber schon auf einen Fehler bzw. eine Unvollständigkeit hinweist. Dadurch hofft der kritische Rationalismus, schneller zu geeigneteren Hypothesen zu finden.
Zur besseren Verdeutlichung möge hier noch ein Zitat Albert EINSTEINs stehen: "Die Natur sagt meistens nein, manchmal vielleicht, aber niemals ja."
Hans ALBERT, ein Schüler POPPERs, Sozial- bzw. Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, übt - durch seine massive Ablehnung jeglichen absoluten Wissens (a-priori-Wissen) - heftige Kritik am Klassischen Rationalismus; Letztbegründungen von Behauptungen durch Nachdenken, durch Vernunft seien nicht möglich. Er verweist auf das Münchhausen-Trilemma der klassischen Begründungsphilosophie. Letztbegründungsversuche scheitern immer auf eine der folgenden drei Arten:

  Infiniter Regress (Ewige Rückfragen, Kinderfrage "Warum?")
  Willkürlicher Abbruch (das leuchtet ein, so ist es einfach)
  Fehler des logischen Zirkels (zirkuläre Begründung)

Beispiele für eine zirkuläre Begründung:
Definition des Begriffs "Verlogenheit:" Verlogenheit ist Mangel an Ehrlichkeit, Ehrlichkeit ist das Fehlen von Unaufrichtigkeit, Unaufrichtigkeit wiederum ist das Sagen von Unwahrheit, das Sagen der Unwahrheit schließlich ist nichts anderes als Verlogenheit.
Behauptung: "Maturanten sind heute wesentlich schlechter ausgebildet als früher:"
Warum? Weil sie einen schlechten Unterricht bekommen.
Warum? Weil sie schlecht ausgebildete Lehrer haben.
Warum? Weil die Universitäten schlechte Rahmenbedingungen haben.
Warum? Weil die Politiker zu wenig Geld zur Verfügung stellen.
Warum? Weil sie den Wert der Bildung nicht erkennen.
Warum? Weil sie selber durch diese Schulen gegangen sind.

In der Praxis sind die zirkulären Begründungsverfahren wesentlich komplexer und daher auch nicht so leicht zu durchschauen wie in diesen Beispielen.


3.2.3 Allgemeine Kritik am Rationalismus
  Das Münchhausen-Trilemma als Kritik des Kritischen am Klassischen Rationalismus.
  Die Elemente des Denkens (Begriffe) beruhen auf empirischen Prozessen bzw. Erfahrung (Lernprozesse).
  Erdachtes entspricht oft nicht der Wahrheit (Begriffsdichtung, Hirngespinste).
  Intuitive Erkenntnisse (erster Gedanke, spontaner Einfall, gefühlsgeleitete Entscheidung) werden oft durch Nachdenken gestört.

 

3.3 Der Kritizismus

Hauptvertreter des Kritizismus ist Immanuel KANT (1724-1804), von manchen als der größte deutsche Philosoph aller Zeiten bezeichnet.

 aus: pensament.com

Nach der Überlieferung habe der Junggeselle seine ostpreußische Heimatstadt Königsberg nie verlassen und sich dort auch noch durch das Hinterfragen der mittelalterlichen Gottesbeweise Feinde gemacht. KANTs ethische Grundpositionen stehen auch heute noch in Diskussion. So auch der kategorische Imperativ aus KANTs Werk "Kritik der praktischen Vernunft:"
"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Mit der Theorie des Kritizismus versuchte Kant, eine Verbindung zwischen dem klassischen Rationalismus und dem klassischen Empirismus zu schaffen. So lehnt er Extrempositionen in die eine oder andere Richtung ab: "Gedanken ohne Inhalte (Anschauung, Wahrnehmung) sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind." Damit überwindet KANT die aus seiner Sicht einseitigen Positionen der beiden vorangegangenen Richtungen.
Von großer Bedeutung sind in der KANTschen Philosophie die beiden Begriffspaare
"a priori"/ "a posteriori"sowie "analytisch"/ "synthetisch:"

Eine Erkenntnis a priori ist von aller Erfahrung unabhängig und allgemeingültig, a posteriori bezeichnet durch die Sinne aufgenommene Empfindungen und Erkenntnisse, die keine Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit beanspruchen können.

Erfahrungen sind durch die Anschauungsformen Raum und Zeit ("sie liegen im Gemüte bereit") und Denkkategorien Quantität, Qualität, Relation und Modalität erst möglich. So sind beispielsweise induktiv gewonnene Naturgesetze nicht a priori, da es zur Findung des Gesetzes der Erfahrung bedarf.
Sätze heißen analytisch, wenn ihre Wahrheit nur aufgrund von definitorischen und logischen Vereinbarungen feststeht. Durch einen so beschaffenen Satz kommt es also nur zu einer Erläuterung, nicht aber zu einer Erweiterung des Wissens.
Alle anderen wahren Sätze sind synthetisch. Sie sind nach KANT Sätze, deren Wahrheit nicht ausschließlich aus rein sprachlichen Gründen feststeht. Sie sind bezüglich ihrer Wahrheit vom Zustand der Welt abhängig. Synthetische Sätze erweitern - im Gegensatz zu den analytischen - unser Wissen.

Urteil analytisch synthetisch
a priori Logik, Tautologien Kausalität, Mathematik, Transzendentalphilosophie
a posteriori unmöglich sinnliche Erfahrung

Abb. Heinz Hartmann, 2000

Analytische Urteile ("Der Kreis ist rund.", "A=A", "Der Schimmel ist ein weißes Pferd.") sind immer a priori. Dazu zählen die Sätze der Logik, aber auch Tautologien (griechisch: Wiederholung des bereits Gesagten -->Zirkelschlüsse). Sie werden auch als Erläuterungsurteile bezeichnet.
Synthetische Urteile ("Quecksilber ist flüssig.", "Der Fliegenpilz ist giftig.", "Der Kreis ist rot.") sind prinzipiell a posteriori, da sie auf sinnlichen Erfahrungen beruhen. Sie werden von KANT auch als Erweiterungsurteile bezeichnet.
KANT nimmt aber auch synthetische Urteile a priori an. Solche liegen - seiner Ansicht nach - der Mathematik und Teilen der Naturwissenschaft sowie der Philosophie zugrunde. Der Satz "5+7=12" kann zum einen nicht analytisch sein, da er unser Wissen in echter Weise erweitert, andererseits aber auch nicht a posteriori, da mathematischen Sätzen strenge Allgemeingültigkeit und unbedingte Notwendigkeit zukommt. In diese Kategorie fallen auch das Kausalitätsprinzip ("Jede Wirkung hat eine Ursache.") und seine Transzendentalphilosophie.
Überlegung: Wäre die Aussage "Dinosaurier sind ausgestorben" (in der Philosophie Kants) als synthetisch oder analytisch, als a priori oder a posteriori zu betrachten?
Die Aussage ist nach KANTs Schema synthetisch und a posteriori.
Sie ist synthetisch, da die Tatsache, dass Dinosaurier ausgestorben sind, unser Wissen über Dinosaurier erweitert.
Sie ist a posteriori, da es zu ihrer Erkenntnis der Erfahrung bedarf. Dinosaurier sind nicht unbedingt ausgestorben, darüber hinaus darf die Aussage auch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen, da sie 100 Millionen Jahre nicht gegolten hätte.

Diese Auffassung ist bis heute eine Streitfrage, eine Grundfrage der Erkenntnistheorie geblieben.
Kritik an diesem Schema kommt hauptsächlich von den Sprachphilosophen, namentlich Saul Aaron KRIPKE (*1940) sowie Willard Van Orman QUINE (*1908), beide USA:
KANT schließe fälschlicherweise von der Apriorität auf die Notwendigkeit. KRIPKE leugnet zwar nicht, dass es analytische Sätze gibt, er meint aber, dass viele der Urteile, die als analytisch bezeichnet werden, nicht analytisch sind: Diesen fehlt das Merkmal der Notwendigkeit.
QUINE kritisiert die Unterscheidung analytisch – synthetisch. Sie sei nicht zirkelfrei möglich.

Repräsentant
KANT
KRIPKE
Urteil ist
notwendig
wahr/falsch
kontingent
wahr/falsch
notwendig
wahr/falsch

kontingent
wahr/falsch

Art des Wissens
a priori
a posteriori
a priori
a posteriori
a priori
analytisch
+
 
+
 
synthetisch
+
+
?
+
+
+

Abb. Heinz Hartmann, 2001

 

3.4 Der Intuitionismus

Gegen jene, die Erkenntnis durch Argumentation, also im Diskurs sichern wollen, wendet sich diese Richtung, die Erkenntnis vor allem durch Intuition entstehen sieht.
Zur Definition des Begriffs Intuition gibt es die verschiedensten Ansätze, doch münden alle schließlich mehr oder weniger in folgendem Grundkonsens:
Intuition bezeichnet demnach das unmittelbare Verstehen von Wirklichkeit durch eine plötzliche Idee bzw. Eingebung (z.B. von Gott) oder, anders gesagt, das unvermittelte, vollständige und umgreifende Erfassen eines Gegenstands oder eines Sachverhalts, das keinen Zweifel zulässt.
Henri Louis BERGSON (1859-1941), französischer Philosoph polnisch-englischer Herkunft, bezeichnete die Intuition als ein "Eintauchen in den Lebensstrom."
So nimmt der Intuitionismus einerseits eine Gegenposition zum Rationalismus ein, da Nachdenken den Erkenntnisprozess störe, andererseits aber auch zum Empirismus, da Erkenntnisse unvermittelte, unmittelbare und innere Einsichten sind.
Die Richtung in ihrer heutigen Form ist um die Jahrhundertwende entstanden, doch liegen auch ihre Wurzeln wie die der meisten modernen Richtungen weit tiefer.
So kann in diesem Zusammenhang SOKRATES angeführt werden, der ethische Probleme löste, indem er auf seine innere Stimme, auf sein Gewissen hörte. Mit Intuition arbeiten ebenso östliche Philosophie, z.B. aus Indien oder China, aber auch die Mystik des Mittelalters, z. B. Meister ECKHARDT (um 1260-1328). Intuitive Erlebnisse werden heute vor allem aus folgenden Lebensbereichen berichtet:
Psychologie (Traumdeutung, Aha-Erlebnis, intuitive Problemlösung), Kunst (bildende Kunst, Literatur, Musik, darstellende Kunst) und Mathematik.

 

3.4.1 Die Hermeneutik

Unter Hermeneutik versteht man zum einen eine bestimmte philosophische Richtung, zum anderen aber eine der wichtigsten Methoden der Geisteswissenschaften.
Hauptvertreter der philosophischen Richtung sind Wilhelm DILTHEY (1833-1911) sowie Friedrich Daniel Ernst SCHLEIERMACHER (1768-1834). SCHLEIERMACHER definiert die Hermeneutik als "Kunstlehre des Verstehens,"

 aus: pensament.com

Wilhelm DILTHEY erweitert die Aussage zur "Kunstlehre des Verstehens schriftlich fixierter Lebensäußerungen." Er sieht in der Hermeneutik die methodische Grundlage der Geisteswissenschaften überhaupt.
So ist Hermeneutik also die Auslegung, Deutung und das Verstehen von menschlichen Produkten (Schriften, Musikstücke, Skulpturen, ...) und/oder historischen Ereignissen.

Von besonderer Bedeutung bei dieser erkenntnistheoretischen Anschauung ist die Problematik des hermeneutischen Zirkels, wobei zwei Varianten unterschieden werden müssen:

Abb. ©Heinz Hartmann, 2000

Zum einen bringt jedes Verstehen als Voraussetzung ein Vorverständnis (Vor - Urteil: eigene Lebensgeschichte, Kultur, Bildung, Sprache) in den Verstehensprozess mit ein; das untersuchende Subjekt wird durch den Untersuchungsgegenstand (z. B. ein historisches Ereignis) selbst in seinem Fortleben beeinflusst (historische Bedingtheit). So ist also jeder Mensch gleichsam ein Gefangener seiner Subjektivität, vollkommene Objektivität daher nicht möglich. Forschung könne also bestenfalls zu intersubjektiven Erkenntnissen führen. Das Subjekt als Verstehendes kann sich aus diesem Zirkel nicht endgültig befreien!
Zum anderen ist auch die Wechselbeziehung zwischen dem Ganzen und den Einzelteilen interessant, weil zum Verständnis des Ganzen die Kenntnis der Einzelteile, wie auch umgekehrt, zum Verständnis der Teile das Verständnis des Ganzen notwendig ist.

Die Problematik des hermeneutischen Zirkels wurde von den Vertretern der Richtung selbst aufgeworfen.
Heute ist man sich seiner bewusst. Da es nicht möglich ist, den hermeneutischen Zirkel ganz zu vermeiden, versucht man lediglich, das Problem zu minimieren.

aus: pensament.com

Zu diesem Zweck schlug Hans-Georg GADAMER (1900-2002) das Mittel der Horizontverschmelzung vor:

Interpret

Schüler

Leser von Faust I

Europäer des

21. Jahrhunderts

Filmliebhaber

u.a.

Autor

J.W. von Goethe

Autor des Faust

Politiker im Weimar

des 18. Jahrhunderts

Weinliebhaber etc.

Abb. (C)Heinz Hartmann, nach WUCHTERL, Lehrbuch der Philosophie

Demnach ist mehr oder weniger gutes "Verstehen" davon abhängig, wie weit sich ein Interpret in intuitiver Weise in den Bewusstseinshorizont des jeweiligen Autors einzufühlen vermag. Solche Prozesse laufen in den Geistes- wie auch in den Naturwissenschaften ab.
Dennoch muss klar werden, dass die Horizontverschmelzung nur bis zu einem gewissen Grad Früchte trägt, da ein vollständiges Verstehen des Autors prinzipiell unmöglich ist, denn die Horizonte von Autor und Interpret können -auf Grund unterschiedlicher subjektiver Erfahrungen- niemals ganz deckungsgleich sein.

 

3.4.2 Der Existenzialismus

Den Ansatzpunkt für die Autoren im Umkreis der Existenzphilosophie bildet der Umstand, dass der Mensch offenbar nicht bereit ist, sein Vorhandensein in der Welt als bloßes Faktum hinzunehmen, ohne nach einer vernünftig einsehbaren Erklärung für diese Existenz zu fragen.
Das Philosophieren im Rahmen eines Systems wird entschieden abgelehnt, da Systemdenken eine Wirklichkeit eher forme und stilisiere, als dass sie diese adäquat erfasse. Statt dessen solle philosophisches Denken zunächst konkret vom einzelnen Menschen und seiner jeweiligen Situation ausgehen, weil jeder Mensch in jeweils individuellen Existenzsituationen stehe.
Die Existenzphilosophie fragt nach dem Sinn der subjektiven Existenz und ihrer Grenzerfahrungen: Geburt, Tod, Angst, Leid, Qual, Freiheit, Möglichkeit, Absurdität des Lebens.
Von dem dänischen Philosophen und Theologen Søren Aabye KIERKEGAARD (1813-1855) ausgehend, entwickelten sich im Existentialismus zwei Richtungen:

  • Deutscher Existenzialismus
    Karl JASPERS (1883-1969), Martin HEIDEGGER (1889-1976)
     aus: pensament.com

JASPERS sieht in der Erfahrung des ständigen Scheiterns und im Angesicht des Todes als letztes Scheitern die Möglichkeit der Existenzerhellung. Diese zeigt Chiffren des Absoluten, des Umgreifenden.
Die Verdienste HEIDEGGERs liegen auf dem Gebiet der Terminologie. So führte er eine Unterscheidung zwischen den Begriffen "existential," "existentiell"und "Existentialien" ein. Das Existentiale sind die vorgegebenen Strukturen, die allgemein den Aufbau von Existenz bestimmen, während das Existentielle das konkrete Verhalten eines Individuums im Rahmen dieser Strukturen meint; die Existenzialien bezeichnen allgemeine Charakteristika der Existenz, wie beispielsweise "Sorge", "Geschichtlichkeit", "Geworfenheit", "Entwurf", "Weltlichkeit", "Sozietät", "Leiblichkeit", "Freiheit" oder "Grenzerfahrungen:" Geburt, Schmerz, Leid, Angst, Tod.

  • Französischer Existenzialismus
    Jean - Paul SARTRE (1905-1980), Simone de BEAUVOIR (1908-1986), Albert CAMUS (1913-1960)
     aus: pensament.com

Für SARTRE ist die das philosophische Denken auslösende Grunderfahrung der "Ekel", der den Menschen überkommt, wenn er erkennt, dass er sich in einer sinnleeren Welt orientieren muss, in die hineingeworfen er sich selbst überlassen ist, in eine Welt, in der der Mensch als "zur Freiheit verurteilt" erscheint. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass Freiheit die Voraussetzung dafür ist, sich dieselbe absprechen zu können. Dieser Freiheit entspricht daher eine umfassende, totale Verantwortung des Menschen für sein Tun. Der Mensch ist Freiheit.
Der atheistische Existenzialismus erklärt: wenn es Gott nicht gibt, gibt es doch ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und das ist der Mensch. Der Mensch existiert zuerst, er begegnet sich, er taucht in der Welt auf und definiert sich erst nachher: "Der Mensch ist das, wozu er sich macht. Er ist sein eigener Entwurf."
In seinem Essay "Der Mythos von Sisyphos" entwickelt CAMUS einen atheistischen Humanismus. Die Grunderfahrung der Menschen ist die Absurdität des Daseins, der Zwiespalt zwischen der eigenen Vernunft und Emotionalität und der kalten, interesselosen, sinnleeren Außenwelt. "Das Absurde entsteht aus dieser Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt."

So ist Sisyphos von den Göttern dazu verurteilt einen Stein auf einen Berg zu rollen. Während der Stein immer wieder kurz vor dem Gipfel nach unten rollt, wird sich Sisyphos der Begrenztheit seiner Möglichkeiten bewusst und nimmt sein Schicksal an.
"Es gibt nichts, was nicht durch Verachtung überwunden werden könnte. Bewusstheit ist Qual, aber gleichzeitig auch Sieg. Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Der Widerspruch zwischen leben wollen und sterben müssen charakterisiert in mehreren seiner Werke die Absurdität der menschlichen Existenz. Das Absurde wird zur unbedingten und logischen Voraussetzung jeder Existenz. Freiheit bedeutet Einsicht in die Absurdität und das Aushalten der Sinnwidrigkeit. Die ständige Auflehnung in der Revolte gegen das Schicksal gibt dem Leben seinen Wert. Der Künstler ist sozusagen das Paradigma einer absurden Existenz: In der Wirklichkeit und im Werk.
Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.

In Endlichkeit (Tod), Geworfenheit (unfreiwillige Geburt) und Absurdität (Sinnwidrigkeit) erfährt sich der Mensch auch als Freiheit und Möglichkeit (ewiges Noch-Nicht).

 

3.4.3 Allgemeine Kritik am Intuitionismus
  Intuition ist völlig subjektiv und daher irrational und somit unwissenschaftlich.
  Intuition ist nicht objektiv darzustellen: die behauptete Unmittelbarkeit muss auch auf Sprachvermittlung verzichten. Werden intuitive Erkenntnisse sprachlich vermittelt, stellt man sich automatisch auf den Boden der Rationalität!
  WITTGENSTEIN (1889-1951): "Die Intuition ist eine unnötige Ausrede", sie folgt nämlich bestimmten Sprachregeln und ist daher ein rationaler Prozess.
  Evidenzen sind nicht gleichwertig und müssen in eine Rangordnung gebracht werden.

 

3.5 Evolutionäre Erkenntnistheorie

Hauptvertreter:
K. LORENZ (1903-1989), R. RIEDL (1925-2005), F. WUKETITS (*1955), K. POPPER (1902-1994), alle aus Österreich
H. v. DITFURTH (1921-1989), G. VOLLMER (*1943), beide D

Wichtigster Vorläufer: CH. DARWIN (1809-1882), GB

 aus: pensament.com

Inhaltliche Schwerpunkte bzw. Argumente:
Erkenntnis bedeutet Existenzvorteil, daher erfolgte die Entwicklung des Mentalen (Bewusstsein, Geistiges) im Übergang vom Tier zum Menschen vor etwa 5-10 Mio. Jahren.
Die Anpassung der Organismen und ihres Erkenntnisapparates an die Bedingungen der Natur erfolgte durch Erfahrung (ontogenetisch wie phylogenetisch) nach der Methode von Versuch und Irrtum bzw. Mutation und Selektion.
Raum, Zeit und Kausalität (bei KANT a priori Wissen) sind stammesgeschichtliche Lernprozesse (Erfahrungen). Für das Individuum mögen sie a priori sein, für die Art sind sie a posteriori.
Moralität und andere kommunikative Fähigkeiten (Sprache!) sind ein Produkt der soziokulturellen Evolution (dialektische Prozesse!).
Die menschlichen "Brillen" (Nervensystem, Sinnesorgane, Verstand und Vernunft) sind nie vollkommen, das "Ding an sich" (KANT) bleibt unerreichbar.
Die Neurowissenschaften zeigen wie Kognition funktioniert: Die Kommunikation zwischen unserem Nervensystem und der Außenwelt ist vergleichbar mit einem hypothesenfähigen (innere Kommunikation) Roboter, der - mit Sensoren ausgestattet - ein immer genaueres Bild einer von ihm weitgehend unabhängigen Außenwelt entwirft. Vgl. Konstruktivismus.
POPPER: Die Natur arbeitet mit Falsifikation von selbst konstruierten Hypothesen und Theorien. "Der Mensch hat gelernt, Hypothesen an seiner Stelle sterben zu lassen."
Theorie der Emergenzen: Es erfolgt eine ständige Neustrukturierung der Natur bzw. des Seins durch Qualitätssprünge: Wasser – Leben – Empfindung – Bewusstsein – Selbstbewusstsein – Sprache - ?


Abb. ©Heinz Hartmann, 2000

Kritik: Diese Theorie erhebe einen Totalitätsanspruch oder sie sei zumindest biologistisch.

 

3.6 Das Problem der Wahrheit

Die Frage, was Wahrheit sei, gehört zu den prominentesten Problemen der Philosophie. Von den verschiedenen Wahrheitstheorien wird aber folgendes übereinstimmend akzeptiert: Wahrheit ist eine Eigenschaft von Aussagen.
In diesem Sinne ist Wahrheit auch von Wahrhaftigkeit zu unterscheiden, da letzteres eine moralische Haltung bezeichnet.
Unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Wahr- oder Falschheit einer Aussage haben oft ihren Ursprung in unterschiedlichen sprachlichen Ebenen. Dazu ist folgende Unterscheidung durchzuführen: Als Objektsprache bezeichnet man die Sprache, in der über Objekte geredet wird, während man unter Metasprache die Sprachebene versteht, auf der über sprachliche Ausdrücke der Objektsprache gesprochen wird. Eine Metasprache kann aber wiederum die Objektsprache einer weiteren Metasprache, also der Metametasprache sein u. s. w.

 

3.6.1 Die Korrespondenztheorie

Die Korrespondenztheorie geht davon aus, dass Wahrheit in einer Übereinstimmung des Denkens mit seinem Gegenstand (KANT), also von Denken (Sprache) und Realität, bestehe. Die berühmte Formel des Thomas von AQUIN (1225-1274) lautet: "veritas est adaequatio intellectus et rei."
Probleme: Allen Korrespondenztheorien liegt ein Modell des Erkennens als Abbilden zugrunde. Dies offenbart auch ihre Schwäche. Wahrheit scheint, dieser Auffassung gemäß, gewisse Abstufungen zuzulassen, denn ein Abbild kann ja mehr oder minder treu sein. Außerdem stellt sich die Frage, ob man zur Überprüfung einer Übereinstimmung zweier Dinge nicht beide schon kennen muss.
Weil die Korrespondenztheorie dem Alltagsverständnis von Wahrheit sicher recht nahe kommt, dominierte sie bis heute.

 

3.6.2 Die Kohärenztheorie

Die Kohärenztheorie sieht die Wahrheit eines Satzes nicht als isolierte Eigenschaft desselben an. Sie beruht auf HEGELs berühmter Feststellung: "Das Wahre ist das Ganze." Es kommt darauf an, ob sich ein Satz problemlos in den Zusammenhang der bereits akzeptierten Theorien einfügt, d.h. zu keinen Widersprüchen führt.
Probleme: Die Kohärenztheorie versucht, den Begriff "Wahrheit" im Rahmen der Logik zu definieren und setzt somit diese voraus. Die Frage ist nun: Bedarf die Logik ihrerseits nicht schon des Wahrheitsbegriffs? Wie wurden die ersten Wahrheiten überprüft?

 

3.6.3 Die Evidenztheorie

Die Evidenztheorie, die schon bei DESCARTES angelegt ist, stellt die Frage nach der Evidenz. Das unmittelbare Einleuchten (BRENTANO, HUSSERL) von Aussagen, die Einsicht - man beachte die Nähe zum Intuitionismus - ist das wesentliche Kennzeichen von Wahrheit.
Probleme: Wie bewerte ich verschiedene Evidenzen? Ist Evidenz nicht im höchsten Maße subjektiv? Kann ich die Wahrheit mittels irrationaler Methode (Intuition) finden?


3.6.4 Die Pragmatische Wahrheitstheorie

Die Pragmatische Wahrheitstheorie (William JAMES, USA) sieht Handlungen als Kriterium an, in denen sich Wahrheitsansprüche bewähren müssen: "Wahr ist, was nützlich ist."
Da aber falsche Auffassungen - geschichtlich betrachtet - zumindest zeitweise nützlich sein können, muss man nach Meinung des amerikanischen Philosophen Charles PEIRCE (1839-1914) die augenblickliche Nützlichkeit durch eine auf lange Sicht ("in the long run") ersetzen.
Probleme: Was dem einen nützt, kann dem anderen schaden. Die Mehrheit kann irren. Ist eine Notlüge wahr, weil sie nützlich ist?

 

3.6.5 Die Konsenstheorie

Die Konsens- oder Diskurstheorie setzt Wahrheit gleich mit Konsens im Diskurs (KAMLAH, HABERMAS).
Zum Finden der absoluten Wahrheit müsste es eine ideale Kommunikationsgemeinschaft geben, die aber immer nur angenähert herzustellen ist, sodass Wahrheit nie vollständig erreicht wird.
Probleme: Wie groß ist der Kreis der am Diskurs Beteiligten? Wer wählt sie aus? Welche Kompetenzen müssen sie haben?

 

3.7 Wissenschaftstheorie

3.7.1 Begriffsklärung

Wissen ist ein Modus des Für-Wahr-Haltens (glauben, meinen, vermuten, wissen). Wissen zeichnet sich sowohl durch einen hohen Grad an subjektiver Überzeugung aus als auch durch die Verfügbarkeit einer nachprüfbaren Begründung, die die Wahrheit des Gewussten garantiert. Wissen ist der Inbegriff der Erkenntnis. PLATONs berühmte Definition lautet: "Wissen ist wahre, mit Begründung versehene Meinung."
In seiner "Kritik der reinen Vernunft" untersuchte KANT die verschiedenen Arten des Für-Wahr-Haltens. Dabei ist zwischen der subjektiven Komponente, dem Überzeugtsein, sowie der objektiven Komponente, dem Verfügen über eine (möglicherweise methodische) Begründung zu unterscheiden. Während beim einfachen Meinen immer ein Zweifel mitschwingt, unterscheiden sich hinsichtlich der subjektiven Seite Glauben und Wissen nicht: Beide sind Ausdruck vollkommener Überzeugung. Im Gegensatz zum Wissen, wo dies unverzichtbar ist, erhebt das Glauben keinen Anspruch auf objektive Begründbarkeit, sondern beruht entweder auf Gewissheit oder auf Offenbarung. In beiden Fällen ist eine methodische Begründung weder möglich noch notwendig.
Wissenschaft: Methodisches Forschen in einem bestimmten Bereich mit dem Ziel, begründetes Wissen zu erhalten (Intersubjektivität!).
Wissenschaftstheorie: Zweig der Philosophie. Untersucht die Voraussetzungen, Methoden, Ergebnisse und die Entwicklung der Wissenschaften im allgemeinen.

 

3.7.2 Einteilung der Wissenschaften

siehe 1.4

 

3.7.3 Zeichen und Begriffe

Unter Semiotik versteht man die Lehre von Entstehung, Aufbau und Wirkweise von Zeichen und Zeichensystemen. Im Anschluss an Charles William MORRIS (1901-1979), einen der bedeutendsten Vertreter der Semiotik des 20. Jahrhunderts, gliedert man die Semiotik in Syntaktik, Semantik und Pragmatik.

Dabei werden in der Syntaktik die Eigenschaften von Zeichenreihen ohne Bezug auf ihre Bedeutung und Verwendung untersucht, d.h. die Syntaktik handelt von den Regeln der Beziehungen von Zeichen zueinander sowie deren Verknüpfungsmöglichkeiten zu Zeichenkomplexen. In der Semantik werden die Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem bzw. ihren Bedeutungen untersucht. In der Pragmatik wird die Zeichenverwendung unter Berücksichtigung der Unterscheidung von Zeichenproduzent und -rezipient und damit unter Einschluss auch der klassischen Probleme der Hermeneutik erforscht. Sie fragt nach Interessen und Wirkungen der beteiligten Zeichenbenutzer und ist eng verknüpft mit einer allgemeinen Handlungstheorie.

Übung:
"Gelbe Ideen schlafen wütend."
Syntax korrekt, semantisch unsinnig --> pragmatisch nicht relevant.

"das Freiheit"
Syntaxfehler; semantischer Aspekt: individuelle od. kollektive Freiheit? Freiheit für od. Freiheit von etwas? Pragmatischer Aspekt: historische Bedeutung des Begriffs, welche Gefühle werden ausgelöst, welche Interessen geweckt?

Linie

Begriffe sind gedachte, wesentliche, universale Merkmale von ETWAS + damit verbundene Symbole (Zeichen, Worte, Prädikate), die auf ein Objekt (real oder abstrakt) verweisen:

Begriffaus: wikipedia.de, leicht abgeändert von Heinz Hartmann

Man unterscheidet Allgemein-, Individual- und leere Begriffe: z.B. "Gesellschaft", "Heinz Hartmann", "der Sultan von Vorarlberg."
Begriffe entwickeln sich: z.B. Atom, Auto, Dirne. Sie haben oft mehrere Namen: Reifeprüfung, Matura, Abitur. Ein und derselbe Name steht für unterschiedliche Bedeutungen: Bank, Strauß, aufheben.
Bei der Begriffsbildung wird mit Hinweisdefinitionen ("dies ist ein Auto") gearbeitet. Der Lernende sucht nach Invarianzen (Unveränderlichkeiten/wesentliche Merkmale).
Begriffe haben eine Intension und eine Extension (FREGE). Diese verhalten sich verkehrt proportional zueinander: Je genauer die Begriffsbestimmung, desto kleiner die Anzahl der "Dinge", auf die der Begriff zutrifft.
Begriffe schaffen Ordnung (werden ein-, unter- und übergeordnet), dienen der Urteilsbildung, ermöglichen Schlussfolgerungen sowie Kommunikation und Denkentwicklung.
Vergleichen Sie auch das Kapitel Denken und Sprache aus der Psychologie – Einführung.


3.7.4 Wissenschaftliche Methoden zur Schlussfolgerung
3.7.4.1 Deduktion (Logik, Mathematik)

Logische Ableitung einer oder mehrerer Aussagen aus allgemein gültigen Obersätzen (Axiomen).
Beispiel 1: Syllogismus
Prämisse 1: "Alle Menschen sind sterblich."
Prämisse 2: "Sokrates ist ein Mensch."
Konklusion (Schlussfolgerung): "Sokrates ist sterblich."

Beispiel 2:mathematische Beweise.
Alle Dreiecke in der Ebene haben eine Winkelsumme von 180°. Auch alle rechtwinkligen Dreiecke...

Problem: Sind allgemein akzeptierte Obersätze (Grundsätze) vielleicht induktiv entstanden?

 

3.7.4.2 Induktion (Naturwissenschaften)

Schluss vom Besonderen zum Allgemeinen.
Aus Beobachtungssätzen (aus Einzelbeobachtungen) entstehen Hypothesen, aus diesen Gesetzmäßigkeiten und daraus Theorien.
Beispiel zur Induktion:
1. Kinder werfen verschiedene Gegenstände ins Wasser, beobachten, dass einige schwimmen, andere untergehen.
2. Hypothesenbildung: G. schwimmen, weil sie eine bestimmte Farbe, Größe, Gewicht haben oder anderes (Wetter, Flugbahn, Wurf­kraft, Unterwassergeist...).
3. Hypothesen treffen regelmäßig (bei Versuchswiederholungen) zu: Gesetzmäßigkeit wird angenommen (im konkreten Fall: Hölzerne Gegenstände, deren spezifisches Gewicht niedriger ist als das des Wassers, schwimmen, andere nicht.)
4. Theorie: Alle Gegenstände, deren spezifisches Gewicht niedriger ist als das der entsprechenden Flüssigkeit, schwimmen in dieser.
Problem: Induktiv gewonnene Theorien können nie absolute Gewissheit beanspruchen. Sie bleiben prinzipiell hypothetisch (nicht alle Fälle können untersucht werden; bei noch so vielen Wiederholungen sind Prognosen nie 100% sicher, sondern bestenfalls höchstwahrscheinlich).
Beispiele: Sonnenaufgang wurde schon tausendfach erfahren, trotzdem ist er nicht absolut gewiss! POPPER: Die als absolut sicher angesehene Erkenntnis "alle Schwäne sind weiß" wurde durch die Entdeckung eines schwarzen Exemplars widerlegt.

 

3.7.4.3 Hermeneutik

siehe Kap. 3.4.1

 

3.7.4. Analogie

"Ähnlichkeitsschluss:" wissenschaftliches Schlussverfahren, bei dem von Ähnlichkeiten bezüglich Struktur oder Funktion eines Systems auf Ähnlichkeiten oder Übereinstimmung eines anderen Systems geschlossen wird.
Beispiele:
Wissen über Gravitation im Sonnensystem --> Hypothese über Verhalten der Elektronen im Atomkern (Atommodell).
Biologie: Bei ähnlichen äußeren Merkmalen verschiedener Lebewesen wird auf gleiche oder ähnliche Organbeschaffenheit oder -funktionen geschlossen.
aus: de.wikipedia.org

Die Sonne wurde in der Philosophiegeschichte oft als Analogon für das Göttliche verwendet.

Zum Anfang des Kapitels