4 Ethik
Begriffseinteilung Freiheit Normenbegründung Positionen Ethik heute
4.1 Das Wesen der Ethik
4.1.1 Begriffe
PLATON meinte, die Aufgabe der Erkenntnistheorie sei die Wahrheitsfindung,
die der Ethik die Erkenntnis des Guten. Ethik ist Moralphilosophie.
Das ist jene philosophische Disziplin, die - in Anlehnung an das KANTsche
"was soll ich tun?"- die Frage zu beantworten sucht, an welchen
theoretischen Systemen die Menschen ihr Handeln orientieren bzw. wie konkrete
Handlungen begründet werden sollen.
Die Moral bezieht sich also sowohl auf ein theoretisches Orientierungssystem
(Werte und Normen, Ziele und Regeln) als auch auf die jeweilige konkrete
Lebensform (Art und Weise des individuellen und sozialen Lebens).
Bei KANT wird Moral noch weitgehend synonym zu Ethik als "Wissenschaft
von den allgemeinen Regeln des reinen Willens" verwendet.
Moralität ist allgemein die Bezeichnung für diejenige
besondere Handlungsmotivation, bei der mit einer Handlung die Realisierung
eines moralischen Wertes angestrebt wird. HEGEL meint mit Moralität
in der Regel nur die moralisch fundierte Ausrichtung des Handelns eines
einzelnen Individuums, während er das - über die subjektive
Gesinnung des Einzelnen hinausgehende - handlungsbestimmende Ethos eines
ganzen Volkes oder einer Gesellschaft als Sittlichkeit (Sitte,
Brauch) bezeichnet.
Orientierungssysteme setzen sich aus Werten und Normen zusammen.
Unter Werten versteht man Zielsetzungen bzw. Ideale des Handelns
(Freiheit, Gerechtigkeit, Glück, Toleranz --> Wertpluralismus).
Ein allgemein akzeptiertes Handlungsziel ist beispielsweise das Gemeinwohl.
Im Gegensatz dazu bezeichnen Normen Verhaltensmaßstäbe
und Handlungsvorschriften, die ein friedliches Zusammenleben - auch das
ist ein Wert - ermöglichen sollen. Es gibt unter anderen rechtliche,
juristische, religiöse, ästhetische, logische und ideale bzw.
persönliche Normen. Werte und Normen sind voneinander abhängig,
wobei einem Wert mehrere Normen zukommen können. So können auf
den Wert Hilfsbereitschaft folgende Normen zutreffen:
A Ich helfe jedem, der mich darum bittet.
B Ich helfe jedem, der mir auch helfen würde.
C Ich helfe jedem, bedingungslos.
Die Norm C kann umgekehrt in Zusammenhang mit den Werten Gerechtigkeit,
Gleichheit und Nächstenliebe gesehen werden.
4.1.2 Allgemeine Einteilung ethischer Begriffe
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Metaethik: philosophische Reflexion ethischer
Begriffe bzw. Urteile
Ethik=Moralphilosophie Moral: subjektiv: Moralität, objektiv: Sitte, Brauch (Sittlichkeit, soziale Normen) |
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| deskriptive
Ethik
Beschreibung von Lebensformen und Orientierungssystemen |
normative Ethik
Diskussion, Begründung, Entwurf und Regelung
von Lebensformen und Orientierungssystemen |
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Werte, Ziele
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Normen, Regeln
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teleologische Ethik
Handlungen werden ausschließlich nach ihren Folgen beurteilt: |
deontologische Ethik
Eine Beurteilung einer Handlung als mehr oder weniger gut, ist abhängig vom Gewissen bzw. Pflichtgefühl. Allein die Absicht, der Wille ist entscheidend. |
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regelteleologisch
allgemein, prinzipiell auf "das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl" gerichtet (MILL) |
handlungsteleologisch
fallweise auf den persönlichen Vorteil bedacht (BENTHAM) |
handlungsdeontologisch
spontane Überprüfung der Prinzipien, fallweise Ausnahmen |
regeldeontologisch
Prinzipien des Gewissens gelten in jedem Fall, ohne Ausnahme |
Deontologische Theorien (auch: Gesinnungsethik) beurteilen eine Handlung nicht (vorwiegend)
nach der Konsequenz, sondern nach der Gesinnung bzw. dem Gewissen. Sie
bestehen aus einem Prinzip (kategorischer Imperativ) oder aus mehreren
Normen (z.B. religiöse Gebote).
Teleologische Theorien (auch: Verantwortungsethik) beurteilen im Gegensatz dazu eine Handlung
nach den Folgen einer Handlung. So fragt sich beispielsweise der Egoist:
"Was ist für mich am nützlichsten?" Der Utilitarist
berücksichtigt darüber hinaus die Konsequenzen einer Handlung
für die größtmögliche Zahl der Betroffenen.
4.2 Freiheit und Moral
Freiheit ist ein Terminus aus der praktischen Philosophie, wobei sich folgende drei (sachlich zusammengehörige) Bestimmungen des Begriffs unterscheiden lassen:
Wahlfreiheit: Sie
bezeichnet die genuine Fähigkeit des Menschen (im Gegensatz zu
instinktprogrammiertem Verhalten) willentlich zu handeln, d.h. zwischen
Alternativen wählen und eine Entscheidung treffen zu können. |
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Willensfreiheit: Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat, ihren Willen zu bestimmen. Sie kann also selbst bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam sein sollen. |
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Handlungsfreiheit: Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie tun will. |
Der Artikel 4 der "Erklärung der Menschenrechte" von
1971 drückt es so aus: "Die Freiheit besteht darin, alles tun
zu können, was keinem anderen schadet."
Für KANT ist "ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen
Gesetzen einerlei." Freiheit in diesem Sinne ist bedeutungsgleich
mit Autonomie.
Wahlfreiheit ist dem Menschen als einzige unmittelbar gegeben und
zugleich Bedingung der Möglichkeit der anderen Freiheiten. Handlungs-
und Willensfreiheit dagegen sind als Möglichkeit oder Aufgabe bzw.
Verpflichtung gegeben.
Bei der Entstehung einer Willensentscheidung und der Umsetzung in eine
Handlung sind psychologische Prozesse von großer Bedeutung, vor
allem Appetenz und Aversion.
Zur Untersuchung dieser Zusammenhänge hat besonders der deutsche
Psychologe Kurt LEWIN (1890-1947), ein Vertreter der Berliner Schule,
beigetragen.
4.3 Freiheit und Notwendigkeit
Es stellt sich die grundsätzliche Frage: "Ist das, was ich will, meine freie Entscheidung?"
Determinismus: klassische Empiristen, Behavioristen
aus: c´t online Die Deterministen glauben nicht an die Freiheit des menschlichen Willens. Der freie Wille ist eine Illusion des subjektiven Bewusstseins. Das menschliche Denken und Handeln ist das Ergebnis einer lückenlosen Kette von Naturgesetzmäßigkeiten. Der Mensch wird zum Reflexwesen.
Indeterminismus: PLATON, KANT, POPPER, SARTRE
Die Indeterministen glauben, dass sich der Mensch durch seine Willensfreiheit
von der Natur abhebt, dass er sich also auch gegen die Natur richten kann.
Der Mensch ist Freiheit.
aus: c´t online
HEGEL: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit."
Der Mensch ist also nicht radikal frei, sondern nur unter Beachtung bestimmter
Rahmenbedingungen. Ich kann die Ziele A, B oder C autonom wählen,
ich muss allerdings das Boot beherrschen und entsprechende Wetterbedingungen
vorfinden, um das gewählte Ziel erreichen zu können:
aus: c´t online
Überlegungen:
Zu welcher Position rechnen Sie die Behauptung: "Wenn Gott existierte, kann das freie Subjekt nicht existieren."
"Wenn es keine Freiheit gibt, brauchen wir auch keine Moral." Können Sie dieser Behauptung zustimmen oder nicht? Begründen Sie ihre Haltung.
4.4 Freiheit und Verantwortung
Je freier, je autonomer ein Mensch ist, desto verantwortlicher wird er für seine Handlungen.
aus:pensament.com
Friedrich Wilhelm NIETZSCHE (1844-1900)
vertrat die Ansicht: "Gott
ist tot, es lebe der Übermensch." Gerade Sätze wie diese
wurden von den Nationalsozialisten zur Begründung ihrer Rassenlehre
missbraucht. NIETZSCHE allerdings fordert den Menschen auf, sich selbst
als Individuum zu verwirklichen: "Werde, der du bist."
"Der Mensch ist wie ein Kamel, vollbeladen mit Lasten, die ihm andere
aufbürden. Es gilt, das Kamel in die Wüste zu schicken, wo es
die Verwandlung zum Löwen erfährt."
Des Philosophen Forderung
an den Menschen, sich völlig neu zu besinnen ("Umwertung aller
Werte"), brachte ihm vielerorts fälschlicherweise den Vorwurf
des Nihilismus ein.
An diese Gedanken knüpfte Jean-Paul SARTRE (1905-1980) an, der die indeterministische Auffassung vertrat, dass die radikale Freiheit ("zur Freiheit verurteilt") den Menschen jenen Möglichkeiten ausliefert, die er "wählen kann, aber nicht wählen muss". Für ihn heißt Freiheit "frei sein, sein Los zu wählen, sein Schicksal zu akzeptieren oder dagegen anzukämpfen".
Für SARTRE stellt die Angst, die immer auch Angst vor der Freiheit ist, ein wichtiges Existenzial dar: "Aus der Angst entspringt die Reflexion." Die Angst vor der Freiheit bewegt viele Menschen dazu, verschiedenste Wege (z.B. Religion, Kunst, Krankheit, ...) zur Flucht aus der totalen Verantwortung zu entwickeln. "Der Mensch ist das, wozu er sich macht. Der Mensch ist sein eigener Entwurf". Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch CAMUS`Werk "Der Mensch in der Revolte".
Überlegungen:
Lassen sich aus der Autonomie des Einzelnen trotz allem allgemeingültige
ethische Normen ableiten?
In welchem Zusammenhang stehen die Begriffe Moral und Recht?
Was gibt es für Unterschiede zwischen Normen und Naturgesetzen?
4.5 Die Begründung von Normen und Werten
Warum sollen wir überhaupt moralisch sein?
4.5.1 Wertabsolutismus
Der Wertabsolutismus gibt eine deontologische Begründung, d.h. er
geht davon aus, dass es allgemeingültige und notwendige Normen
und Werte für den Menschen gibt. Teils werden diese von Gott
hergeleitet, teils aus der Natur selbst (Naturrecht). Vertreter des Wertabsolutismus
sind PLATON, für den das Wahre, Gute und Schöne absolute Werte
darstellen, eine Vielzahl von Religions- und Sektengründern sowie
Vertreter von Naturrechtslehren.
Kritik an dieser Richtung, im besonderen an den Naturrechtslehren,
kommt zum einen vom Empiristen David HUME (1711-1776): "Aus dem Sein
kann nicht logisch zwingend ein Sollen abgeleitet werden." Denn etwas,
was der Fall ist, kann nicht automatisch gesollt sein, weil gesollt sein
impliziert, dass es noch nicht der Fall ist. Wenn also aus einer nicht
moralischen Tatsache, z.B. "Es gibt schlecht ausgebildete Mitarbeiter",
ein moralischer Schluss, z.B. "Mitarbeiter sollen im allgemeinen
schlecht ausgebildet sein", abgeleitet wird, bedeutet das einen Verstoß
gegen das sogenannte HUMEsche Gesetz. Es kommt zu einem "naturalistischen
Fehlschluss".
Außerdem wenden sich auch die Wertrelativisten gegen den Wertabsolutismus.
Sie sind davon überzeugt dass es keine absoluten, immerwährenden
Werte gebe, dass Werte also einem ständigen Wandel unterzogen sind.
Als Argument führen sie u. a. den interkulturellen Vergleich
an, der zeigen soll, dass bei ähnlichen natürlichen Bedingungen
völlig unterschiedliche Werte und Wertsysteme entstanden.
4.5.2 Wertrelativismus
Werte und Normen dürfen nicht mit Naturgesetzen verwechselt
werden. Sie sind nicht zwingend, sondern gewollt und gelten für
jeden, der das Handlungsziel bejaht. Sie beanspruchen keine immerwährende
Gültigkeit und können in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich,
oft sogar gegensätzlich sein. Das zeigt sich gerade in den Differenzen
zwischen den nationalen Gesetzgebungen sowie in der unterschiedlichen
Interpretation der Menschenrechte, die eigentlich Allgemeingültigkeit
beanspruchen.
Wichtige Vertreter dieser Richtung sind die beiden Österreicher Franz
AUSTEDA und Hans KELSEN (1881-1973), der Schöpfer der österreichischen
Bundesverfassung, sowie John RAWLS (*1921), USA, mit seiner Theorie der
Gerechtigkeit als Fairness.
Kritik an dieser Sichtweise kommt verständlicherweise
aus dem Lager der Wertabsolutisten. Ihrer Auffassung gemäß
gibt es allgemeingültige, immerwährende (gottgegebene) Werte,
so beispielsweise Liebe, Hoffnung und Glaube oder die platonischen Grundwerte.
4.5.3 Kategorischer Imperativ
Auch in diesem Zusammenhang nimmt Kant mit der Aufstellung einer formalen
Grundnorm, dem kategorischen Imperativ, eine Sonderstellung ein. Diese
Norm ist autonom (selbstgesetzgebend), formal (allgemeingültig) und
rigoros (ohne Ausnahme).
Der kategorische Imperativ ist die oberste und allgemeinste Handlungsanweisung
der praktischen Philosophie KANTs. In seiner "Kritik der praktischen
Vernunft" formuliert der Philosoph folgendermaßen: "Handle
so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer
allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."
Diese Formulierung wird oft - unangemessener Weise - mit der Goldenen
Regel identifiziert, welche als Verhaltensempfehlung in den verschiedensten
Kulturen anzutreffen ist und sinngemäß so wiedergegeben werden
kann: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg
auch keinem anderen zu"!
Der Vergleich der beiden Handlungsanweisungen sollte aber unbedingt vermieden
werden, da sie aus völlig verschiedenen Prinzipien für Moralität
und für die Bewertung moralisch relevanter Handlungen entwickelt
werden: Bei der Goldenen Regel, einem egoistisch-utilitaristischen Prinzip,
erfolgt die Sanktion der Regel über die Androhung möglicher
negativer Folgen. So lügt beispielsweise jemand deshalb nicht, weil
er es als unangenehm empfindet, selbst belogen zu werden. Damit akzeptiert
er den Wert "Wahrheit" eigentlich nicht um seiner selbst willen,
sondern nur als Mittel zur Realisierung eines für ihn höherstehenden
Wertes (hier des persönlichen Wohlbefindens).
Im Gegensatz dazu ist für KANT die wahrhaft moralische Handlung gekennzeichnet
durch Freiheit, durch die bewusste Entscheidung, trotz möglicher
negativer Folgen einen Wert (etwa Wahrheit) ausschließlich um seiner
selbst willen zu realisieren.
Überlegungen:
Setzt der kategorische Imperativ andere Werte oder Normen voraus?
Ist diese Handlungsvorschrift eine praktische Hilfe für den einzelnen?
4.6 Ethische Positionen
Die ethischen Positionen sind abhängig von wirklichkeits- (Materialismus, Idealismus, ...) und erkenntnistheoretischen (Empirismus, Rationalismus, ...) Entscheidungen.
4.6.1 Die religiöse Ethik
Oberste Ziele sind Erleuchtung, Erlösung und Vollkommenheit.
Oberste Normen sind die immer gültigen Gebote Gottes -->
Wertabsolutismus.
Religion ist regeldeontologische Ethik.
Kritik:
Für Ludwig FEUERBACH (1804-1872, Gott als wahres Wesen des Menschen
selbst) und dann besonders für Karl MARX ("Zur Kritik der HEGELschen
Rechtsphilosophie") ist die Religion "der Seufzer der bedrängten
Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser
Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."
Für Jean - Paul SARTRE ist der Mensch zur Freiheit verurteilt, er
ist radikal frei und für sein Tun total verantwortlich. Erst mit
der Absage an Gott übernimmt der Mensch die volle Verantwortung
für sein Leben und seine Welt.
Albert CAMUS lehnt die Selbstvertröstung auf eine jenseitige Harmonie
ab, weil dies zur Passivität gegenüber gesellschaftlichen Missständen
führe.
Nach Sigmund FREUD ist Gott ein Vaterersatz, eine Projektion der Vater-Kind-Beziehung.
Allgemein werden die wertabsolutistische sowie die dogmatische Grundhaltung
als nicht empirisch von den Kritikern abgelehnt.
4.6.2 Der ethische Egoismus (Individualethik)
Nach dieser Lehrmeinung ist unser Handeln letztlich immer durch eigene
Interessen motiviert. Die verschiedensten Haltungen hängen von
den verschiedenen Zielsetzungen und Werten ab: Setzte ich Reichtum an
die erste Stelle oder das Erleben von Schönheit?
Der ethische Egoismus ist eine handlungsteleologische Position.
Kritiker lehnen den durch diese Haltung in letzter Konsequenz entstehenden
Kampf jeder gegen jeden (homo homini lupus est) ab.
4.6.3 Utilitarismus (Sozialethik)
Die Begründer dieser Richtung sind MILL und BENTHAM. Der Utilitarismus
wird durch eine materialistische Wirklichkeitsauffassung und eine empiristische
Grundhaltung geprägt, das oberste Ziel ist "das größtmögliches
Glück für die größtmögliche Zahl".
Ein Regelteleologe (Utilitarist) stellt zum Beispiel die Norm "Du
sollst nicht lügen" auf, da es für das Wohl der Allgemeinheit
nützlicher ist, wenn alle die Wahrheit sagen.
Ein Handlungsteleologe (Egoist) hingegen würde in jeder konkreten
Situation entscheiden, ob er die Wahrheit sagt oder nicht. Er hat somit
im Gegensatz zum Utilitaristen die Möglichkeit, durch eine Lüge
z.B. eine Panik zu verhindern.
Für den Utilitaristen ist Glück ein Lustgefühl, wobei auch
das Fehlen von Unlust Glück bedeutet. Der Utilitarismus versucht,
eine Ethik ohne Metaphysik aufzubauen, indem er rationale Elemente (Prinzip
der Nützlichkeit) mit empirischen Tatsachen (den Folgen der Handlung
und deren Konsequenzen für die Betroffenen) zu verbinden sucht.
Kritik: Der Glücksbegriff ist problematisch, das Prinzip der
Nützlichkeit ebenfalls. Eine Handlung hat in der Regel nicht nur
positive oder negative Folgen, und oft sind die Folgen so verschiedenartig,
dass sie nicht miteinander verglichen werden können (z. B. ein teureres,
aber umweltfreundliches Putzmittel).
Im Utilitarismus müssen zwei Handlungen, die im gleichen Maß
zum allgemeinen Wohl beitragen, als gleichwertig angesehen werden, auch
wenn eine davon eine bestimmte Gruppe benachteiligt. So wäre es durchaus
legitim, die allgemeine Arbeitslosigkeit durch ein Arbeitsverbot für
verheiratete Frauen zu bekämpfen.
Mit dem Utilitarismus lässt sich nicht nur eine Diskriminierung von
Minderheiten, sondern auch deren Eliminierung rechtfertigen, wenn dies
vermeintlich dem Wohl der größtmöglichen Zahl diente.
Es gibt also kein Gerechtigkeitsprinzip, was zu Missbrauch führen
kann.
4.6.4 Ethischer Hedonismus
Diese von ARISTIPP begründete Lehre wird unter die sehr ungenaue Sammelbezeichnung Eudämonismus (= unterschiedliche ethische Lehren mit dem - sehr unterschiedlich verstandenen - Glück als höchstem erstrebenswerten Gut) gerechnet. Der Hedonist soll auf größtmöglichen individuellen Lustgewinn aus sein.
4.6.5 Epikurismus
In dieser Lehre dominiert als Ideal das persönliche Glück des Einzelnen (Eudaimonia). Hier wird "Lust" nicht hedonistisch gesehen, sondern meint die Vermeidung alles dessen, was, bei vernünftigem Abwägen auf lange Sicht gesehen, mehr Leid als Lust erzeugt. Ziel ist das Leben im Verborgenen. Genuss bedeutet maßvolles Genießen. Nur durch dieses kann Glück erreicht werden. Als moderner Vertreter dieser Richtung kann NIETZSCHE gesehen werden.
Übung:
Welche dieser ethischen Positionen entspricht am ehesten meiner moralischen
Haltung? Ist diese durchdacht? Ist damit ein akzeptables Gleichgewicht
zwischen meinen Bedürfnissen und dem Gemeinwohl erreicht?
4.7 Herausforderung der Ethik in der Gegenwart
4.7.1 Wissenschaftsethik
Dürfen die Menschen alles tun, was technisch möglich ist (z.B. Gentechnik, Klonen, Leihmutterschaft, Sterbehilfe, ...)?
Werturteilsstreit (Positivismusstreit):
Empirisch-analytische Wissenschaften (POPPER, ALBERT): "Wissenschaft
ist nur dann als solche zu betrachten, wenn sie wertfrei agiert."
Wertfreiheit als oberster Wert der Wissenschaften.
Dialektisch-hermeneutische Wissenschaften (ADORNO, HABERMAS): "Wissenschaftliche
Forschungen werden von Menschen betrieben. Sie sind also immer mit einem
gewissen Erkenntnisinteresse und so notwendigerweise mit Wertsystemen
verbunden."
Überlegungen:
Wie entwickeln sich Wissenschaften und wie werden sie kontrolliert?
Der Wiener Kreis meint: "Wir müssen das Schiff auf hoher See
umbauen."
Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas Samuel KUHN (*1922-1996)
spricht in diesem Zusammenhang von einem Paradigmenwechsel. Unter
Paradigma versteht man die eine Wissenschaft in einer Periode prägenden
Auffassungen. Das Paradigma regelt, was als eine befriedigende Problemlösung
gelten darf und welche Probleme als interessant und untersuchenswert anzusehen
sind. Das Paradigma greift über den theoretischen Bereich hinaus
und beeinflusst die Beobachtungen selbst. In der Wissenschaftsgeschichte
kommt es vor, dass ein Paradigma abgelöst wird. Kuhn spricht dann
von einer "wissenschaftlichen Revolution". Dazwischen liegen
die Perioden "normaler Wissenschaft".
Paul Karl FEYERABEND (1924-1994), Schüler POPPERs und ebenfalls
Wissenschaftstheoretiker, schreibt in seinem Werk "Anything goes.
Wider den Methodenzwang", dass die Wissenschaften durch die "natürliche
Schlauheit"der Menschen kontrolliert würden, und forderte die
Gleichheit aller Erkenntnismethoden ("wie kann man beweisen, dass
die Regentänze nichts nützen?") sowie das Misstrauen
gegen jede Herrschaft von Experten.
4.7.2 Aufgaben einer modernen Ethik
Kurt WUCHTERL (*1931) sieht eine moderne Ethik unter folgenden Bedingungen
verwirklicht:
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