4 Ethik

Begriffseinteilung Freiheit Normenbegründung Positionen Ethik heute

4.1 Das Wesen der Ethik

4.1.1 Begriffe

PLATON meinte, die Aufgabe der Erkenntnistheorie sei die Wahrheitsfindung, die der Ethik die Erkenntnis des Guten. Ethik ist Moralphilosophie. Das ist jene philosophische Disziplin, die - in Anlehnung an das KANTsche "was soll ich tun?"- die Frage zu beantworten sucht, an welchen theoretischen Systemen die Menschen ihr Handeln orientieren bzw. wie konkrete Handlungen begründet werden sollen.
Die Moral bezieht sich also sowohl auf ein theoretisches Orientierungssystem (Werte und Normen, Ziele und Regeln) als auch auf die jeweilige konkrete Lebensform (Art und Weise des individuellen und sozialen Lebens).
Bei KANT wird Moral noch weitgehend synonym zu Ethik als "Wissenschaft von den allgemeinen Regeln des reinen Willens" verwendet.
Moralität ist allgemein die Bezeichnung für diejenige besondere Handlungsmotivation, bei der mit einer Handlung die Realisierung eines moralischen Wertes angestrebt wird. HEGEL meint mit Moralität in der Regel nur die moralisch fundierte Ausrichtung des Handelns eines einzelnen Individuums, während er das - über die subjektive Gesinnung des Einzelnen hinausgehende - handlungsbestimmende Ethos eines ganzen Volkes oder einer Gesellschaft als Sittlichkeit (Sitte, Brauch) bezeichnet.
Orientierungssysteme setzen sich aus Werten und Normen zusammen. Unter Werten versteht man Zielsetzungen bzw. Ideale des Handelns (Freiheit, Gerechtigkeit, Glück, Toleranz --> Wertpluralismus). Ein allgemein akzeptiertes Handlungsziel ist beispielsweise das Gemeinwohl. Im Gegensatz dazu bezeichnen Normen Verhaltensmaßstäbe und Handlungsvorschriften, die ein friedliches Zusammenleben - auch das ist ein Wert - ermöglichen sollen. Es gibt unter anderen rechtliche, juristische, religiöse, ästhetische, logische und ideale bzw. persönliche Normen. Werte und Normen sind voneinander abhängig, wobei einem Wert mehrere Normen zukommen können. So können auf den Wert Hilfsbereitschaft folgende Normen zutreffen:

A Ich helfe jedem, der mich darum bittet.
B Ich helfe jedem, der mir auch helfen würde.
C Ich helfe jedem, bedingungslos.

Die Norm C kann umgekehrt in Zusammenhang mit den Werten Gerechtigkeit, Gleichheit und Nächstenliebe gesehen werden.

 

4.1.2 Allgemeine Einteilung ethischer Begriffe
Metaethik: philosophische Reflexion ethischer Begriffe bzw. Urteile

Ethik=Moralphilosophie

Moral:

subjektiv: Moralität, objektiv: Sitte, Brauch (Sittlichkeit, soziale Normen)

deskriptive Ethik

Beschreibung von Lebensformen und Orientierungssystemen

normative Ethik

Diskussion, Begründung, Entwurf und Regelung von Lebensformen und Orientierungssystemen

Werte, Ziele
Normen, Regeln


teleologische Ethik

Handlungen werden ausschließlich nach ihren Folgen beurteilt:
z. B. Glückseligkeit, Lust, Nutzen

deontologische Ethik

Eine Beurteilung einer Handlung als mehr oder weniger gut, ist abhängig vom Gewissen bzw. Pflichtgefühl. Allein die Absicht, der Wille ist entscheidend.

regelteleologisch

allgemein, prinzipiell auf "das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl" gerichtet (MILL)
Utilitarismus

handlungsteleologisch

fallweise auf den persönlichen Vorteil bedacht (BENTHAM)
Egoismus

handlungsdeontologisch

spontane Überprüfung der Prinzipien, fallweise Ausnahmen
Existenzphilosophie

regeldeontologisch

Prinzipien des Gewissens gelten in jedem Fall, ohne Ausnahme
KANT, Religionen

Abb. (C)Heinz Hartmann, 2000 nach FRANKENA, Analytische Ethik

Deontologische Theorien (auch: Gesinnungsethik) beurteilen eine Handlung nicht (vorwiegend) nach der Konsequenz, sondern nach der Gesinnung bzw. dem Gewissen. Sie bestehen aus einem Prinzip (kategorischer Imperativ) oder aus mehreren Normen (z.B. religiöse Gebote).
Teleologische Theorien (auch: Verantwortungsethik) beurteilen im Gegensatz dazu eine Handlung nach den Folgen einer Handlung. So fragt sich beispielsweise der Egoist: "Was ist für mich am nützlichsten?" Der Utilitarist berücksichtigt darüber hinaus die Konsequenzen einer Handlung für die größtmögliche Zahl der Betroffenen.

 

4.2 Freiheit und Moral

Freiheit ist ein Terminus aus der praktischen Philosophie, wobei sich folgende drei (sachlich zusammengehörige) Bestimmungen des Begriffs unterscheiden lassen:

 

Wahlfreiheit: Sie bezeichnet die genuine Fähigkeit des Menschen (im Gegensatz zu instinktprogrammiertem Verhalten) willentlich zu handeln, d.h. zwischen Alternativen wählen und eine Entscheidung treffen zu können.
Die Wahlfreiheit ist also die Voraussetzung der anderen Arten von Freiheit: Wenn ich keine Wahl habe, macht es keinen Sinn, dies oder jenes zu wollen oder zu planen, das Gewollte in die Tat umzusetzen.

 

Willensfreiheit: Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat, ihren Willen zu bestimmen. Sie kann also selbst bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam sein sollen.
In diesem Sinne ist W. auch die Fähigkeit und die Verpflichtung des Menschen zur sittlichen Selbstbestimmung, d.h. dazu, sich nur solche Handlungsziele zu setzen, die im Einklang mit den sittlichen Fundamentalnormen, also mit verallgemeinerungsfähigen Interessen (Gemeinwohl) stehen.
Inwiefern der vorgegebene Rahmen den Willensbildungsprozess beeinflusst, darüber gibt es höchst unterschiedliche Auffassungen. Siehe auch das folgende Kapitel Freiheit und Notwendigkeit!

 

Handlungsfreiheit: Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun kann, was sie tun will.
H. bezeichnet den Fall des faktisch dem eigenen Willen gemäß Handeln-Könnens, d.h. die Abwesenheit jeglichen nicht notwendigen inneren (z.B. Zwangsneurose) oder äußeren Zwanges (z.B. Nötigung) beim Handeln.
Um Freiheit in dieser Bedeutung geht es bei Forderungen nach Befreiung oder Emanzipation im Bereich der Politik, der Gesellschaft oder der Natur.

Der Artikel 4 der "Erklärung der Menschenrechte" von 1971 drückt es so aus: "Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was keinem anderen schadet."
Für KANT ist "ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei." Freiheit in diesem Sinne ist bedeutungsgleich mit Autonomie.
Wahlfreiheit ist dem Menschen als einzige unmittelbar gegeben und zugleich Bedingung der Möglichkeit der anderen Freiheiten. Handlungs- und Willensfreiheit dagegen sind als Möglichkeit oder Aufgabe bzw. Verpflichtung gegeben.
Bei der Entstehung einer Willensentscheidung und der Umsetzung in eine Handlung sind psychologische Prozesse von großer Bedeutung, vor allem Appetenz und Aversion. Zur Untersuchung dieser Zusammenhänge hat besonders der deutsche Psychologe Kurt LEWIN (1890-1947), ein Vertreter der Berliner Schule, beigetragen.


4.3 Freiheit und Notwendigkeit

Es stellt sich die grundsätzliche Frage: "Ist das, was ich will, meine freie Entscheidung?"

Determinismus: klassische Empiristen, Behavioristen

aus: c´t online
Die Deterministen glauben nicht an die Freiheit des menschlichen Willens. Der freie Wille ist eine Illusion des subjektiven Bewusstseins. Das menschliche Denken und Handeln ist das Ergebnis einer lückenlosen Kette von Naturgesetzmäßigkeiten. Der Mensch wird zum Reflexwesen.

Indeterminismus: PLATON, KANT, POPPER, SARTRE

Die Indeterministen glauben, dass sich der Mensch durch seine Willensfreiheit von der Natur abhebt, dass er sich also auch gegen die Natur richten kann. Der Mensch ist Freiheit.

aus: c´t online

 

HEGEL: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit." Der Mensch ist also nicht radikal frei, sondern nur unter Beachtung bestimmter Rahmenbedingungen. Ich kann die Ziele A, B oder C autonom wählen, ich muss allerdings das Boot beherrschen und entsprechende Wetterbedingungen vorfinden, um das gewählte Ziel erreichen zu können:

 aus: c´t online

Überlegungen:

Zu welcher Position rechnen Sie die Behauptung: "Wenn Gott existierte, kann das freie Subjekt nicht existieren."

"Wenn es keine Freiheit gibt, brauchen wir auch keine Moral." Können Sie dieser Behauptung zustimmen oder nicht? Begründen Sie ihre Haltung.

 

4.4 Freiheit und Verantwortung

Je freier, je autonomer ein Mensch ist, desto verantwortlicher wird er für seine Handlungen.

 aus:pensament.com
Friedrich Wilhelm NIETZSCHE (1844-1900)

vertrat die Ansicht: "Gott ist tot, es lebe der Übermensch." Gerade Sätze wie diese wurden von den Nationalsozialisten zur Begründung ihrer Rassenlehre missbraucht. NIETZSCHE allerdings fordert den Menschen auf, sich selbst als Individuum zu verwirklichen: "Werde, der du bist."
"Der Mensch ist wie ein Kamel, vollbeladen mit Lasten, die ihm andere aufbürden. Es gilt, das Kamel in die Wüste zu schicken, wo es die Verwandlung zum Löwen erfährt."
Des Philosophen Forderung an den Menschen, sich völlig neu zu besinnen ("Umwertung aller Werte"), brachte ihm vielerorts fälschlicherweise den Vorwurf des Nihilismus ein.

 aus: pensament.com
An diese Gedanken knüpfte Jean-Paul SARTRE (1905-1980) an, der die indeterministische Auffassung vertrat, dass die radikale Freiheit ("zur Freiheit verurteilt") den Menschen jenen Möglichkeiten ausliefert, die er "wählen kann, aber nicht wählen muss". Für ihn heißt Freiheit "frei sein, sein Los zu wählen, sein Schicksal zu akzeptieren oder dagegen anzukämpfen".

Für SARTRE stellt die Angst, die immer auch Angst vor der Freiheit ist, ein wichtiges Existenzial dar: "Aus der Angst entspringt die Reflexion." Die Angst vor der Freiheit bewegt viele Menschen dazu, verschiedenste Wege (z.B. Religion, Kunst, Krankheit, ...) zur Flucht aus der totalen Verantwortung zu entwickeln. "Der Mensch ist das, wozu er sich macht. Der Mensch ist sein eigener Entwurf". Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch CAMUS`Werk "Der Mensch in der Revolte".

Überlegungen:
Lassen sich aus der Autonomie des Einzelnen trotz allem allgemeingültige ethische Normen ableiten?
In welchem Zusammenhang stehen die Begriffe Moral und Recht?
Was gibt es für Unterschiede zwischen Normen und Naturgesetzen?

 

4.5 Die Begründung von Normen und Werten

Warum sollen wir überhaupt moralisch sein?

4.5.1 Wertabsolutismus

Der Wertabsolutismus gibt eine deontologische Begründung, d.h. er geht davon aus, dass es allgemeingültige und notwendige Normen und Werte für den Menschen gibt. Teils werden diese von Gott hergeleitet, teils aus der Natur selbst (Naturrecht). Vertreter des Wertabsolutismus sind PLATON, für den das Wahre, Gute und Schöne absolute Werte darstellen, eine Vielzahl von Religions- und Sektengründern sowie Vertreter von Naturrechtslehren.
Kritik an dieser Richtung, im besonderen an den Naturrechtslehren, kommt zum einen vom Empiristen David HUME (1711-1776): "Aus dem Sein kann nicht logisch zwingend ein Sollen abgeleitet werden." Denn etwas, was der Fall ist, kann nicht automatisch gesollt sein, weil gesollt sein impliziert, dass es noch nicht der Fall ist. Wenn also aus einer nicht moralischen Tatsache, z.B. "Es gibt schlecht ausgebildete Mitarbeiter", ein moralischer Schluss, z.B. "Mitarbeiter sollen im allgemeinen schlecht ausgebildet sein", abgeleitet wird, bedeutet das einen Verstoß gegen das sogenannte HUMEsche Gesetz. Es kommt zu einem "naturalistischen Fehlschluss".
Außerdem wenden sich auch die Wertrelativisten gegen den Wertabsolutismus. Sie sind davon überzeugt dass es keine absoluten, immerwährenden Werte gebe, dass Werte also einem ständigen Wandel unterzogen sind. Als Argument führen sie u. a. den interkulturellen Vergleich an, der zeigen soll, dass bei ähnlichen natürlichen Bedingungen völlig unterschiedliche Werte und Wertsysteme entstanden.

 

4.5.2 Wertrelativismus

Werte und Normen dürfen nicht mit Naturgesetzen verwechselt werden. Sie sind nicht zwingend, sondern gewollt und gelten für jeden, der das Handlungsziel bejaht. Sie beanspruchen keine immerwährende Gültigkeit und können in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich, oft sogar gegensätzlich sein. Das zeigt sich gerade in den Differenzen zwischen den nationalen Gesetzgebungen sowie in der unterschiedlichen Interpretation der Menschenrechte, die eigentlich Allgemeingültigkeit beanspruchen.
Wichtige Vertreter dieser Richtung sind die beiden Österreicher Franz AUSTEDA und Hans KELSEN (1881-1973), der Schöpfer der österreichischen Bundesverfassung, sowie John RAWLS (*1921), USA, mit seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness.
Kritik an dieser Sichtweise kommt verständlicherweise aus dem Lager der Wertabsolutisten. Ihrer Auffassung gemäß gibt es allgemeingültige, immerwährende (gottgegebene) Werte, so beispielsweise Liebe, Hoffnung und Glaube oder die platonischen Grundwerte.

 

4.5.3 Kategorischer Imperativ

Auch in diesem Zusammenhang nimmt Kant mit der Aufstellung einer formalen Grundnorm, dem kategorischen Imperativ, eine Sonderstellung ein. Diese Norm ist autonom (selbstgesetzgebend), formal (allgemeingültig) und rigoros (ohne Ausnahme).
Der kategorische Imperativ ist die oberste und allgemeinste Handlungsanweisung der praktischen Philosophie KANTs. In seiner "Kritik der praktischen Vernunft" formuliert der Philosoph folgendermaßen: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."
Diese Formulierung wird oft - unangemessener Weise - mit der Goldenen Regel identifiziert, welche als Verhaltensempfehlung in den verschiedensten Kulturen anzutreffen ist und sinngemäß so wiedergegeben werden kann: "Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu"!
Der Vergleich der beiden Handlungsanweisungen sollte aber unbedingt vermieden werden, da sie aus völlig verschiedenen Prinzipien für Moralität und für die Bewertung moralisch relevanter Handlungen entwickelt werden: Bei der Goldenen Regel, einem egoistisch-utilitaristischen Prinzip, erfolgt die Sanktion der Regel über die Androhung möglicher negativer Folgen. So lügt beispielsweise jemand deshalb nicht, weil er es als unangenehm empfindet, selbst belogen zu werden. Damit akzeptiert er den Wert "Wahrheit" eigentlich nicht um seiner selbst willen, sondern nur als Mittel zur Realisierung eines für ihn höherstehenden Wertes (hier des persönlichen Wohlbefindens).
Im Gegensatz dazu ist für KANT die wahrhaft moralische Handlung gekennzeichnet durch Freiheit, durch die bewusste Entscheidung, trotz möglicher negativer Folgen einen Wert (etwa Wahrheit) ausschließlich um seiner selbst willen zu realisieren.

Überlegungen:
Setzt der kategorische Imperativ andere Werte oder Normen voraus?
Ist diese Handlungsvorschrift eine praktische Hilfe für den einzelnen?

 

4.6 Ethische Positionen

Die ethischen Positionen sind abhängig von wirklichkeits- (Materialismus, Idealismus, ...) und erkenntnistheoretischen (Empirismus, Rationalismus, ...) Entscheidungen.

 

4.6.1 Die religiöse Ethik

Oberste Ziele sind Erleuchtung, Erlösung und Vollkommenheit.
Oberste Normen sind die immer gültigen Gebote Gottes --> Wertabsolutismus.
Religion ist regeldeontologische Ethik.

Kritik:
Für Ludwig FEUERBACH (1804-1872, Gott als wahres Wesen des Menschen selbst) und dann besonders für Karl MARX ("Zur Kritik der HEGELschen Rechtsphilosophie") ist die Religion "der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."
Für Jean - Paul SARTRE ist der Mensch zur Freiheit verurteilt, er ist radikal frei und für sein Tun total verantwortlich. Erst mit der Absage an Gott übernimmt der Mensch die volle Verantwortung für sein Leben und seine Welt.
Albert CAMUS lehnt die Selbstvertröstung auf eine jenseitige Harmonie ab, weil dies zur Passivität gegenüber gesellschaftlichen Missständen führe.
Nach Sigmund FREUD ist Gott ein Vaterersatz, eine Projektion der Vater-Kind-Beziehung.
Allgemein werden die wertabsolutistische sowie die dogmatische Grundhaltung als nicht empirisch von den Kritikern abgelehnt.

 

4.6.2 Der ethische Egoismus (Individualethik)

Nach dieser Lehrmeinung ist unser Handeln letztlich immer durch eigene Interessen motiviert. Die verschiedensten Haltungen hängen von den verschiedenen Zielsetzungen und Werten ab: Setzte ich Reichtum an die erste Stelle oder das Erleben von Schönheit?
Der ethische Egoismus ist eine handlungsteleologische Position.
Kritiker lehnen den durch diese Haltung in letzter Konsequenz entstehenden Kampf jeder gegen jeden (homo homini lupus est) ab.

 

4.6.3 Utilitarismus (Sozialethik)

Die Begründer dieser Richtung sind MILL und BENTHAM. Der Utilitarismus wird durch eine materialistische Wirklichkeitsauffassung und eine empiristische Grundhaltung geprägt, das oberste Ziel ist "das größtmögliches Glück für die größtmögliche Zahl".
Ein Regelteleologe (Utilitarist) stellt zum Beispiel die Norm "Du sollst nicht lügen" auf, da es für das Wohl der Allgemeinheit nützlicher ist, wenn alle die Wahrheit sagen.
Ein Handlungsteleologe (Egoist) hingegen würde in jeder konkreten Situation entscheiden, ob er die Wahrheit sagt oder nicht. Er hat somit im Gegensatz zum Utilitaristen die Möglichkeit, durch eine Lüge z.B. eine Panik zu verhindern.
Für den Utilitaristen ist Glück ein Lustgefühl, wobei auch das Fehlen von Unlust Glück bedeutet. Der Utilitarismus versucht, eine Ethik ohne Metaphysik aufzubauen, indem er rationale Elemente (Prinzip der Nützlichkeit) mit empirischen Tatsachen (den Folgen der Handlung und deren Konsequenzen für die Betroffenen) zu verbinden sucht.
Kritik: Der Glücksbegriff ist problematisch, das Prinzip der Nützlichkeit ebenfalls. Eine Handlung hat in der Regel nicht nur positive oder negative Folgen, und oft sind die Folgen so verschiedenartig, dass sie nicht miteinander verglichen werden können (z. B. ein teureres, aber umweltfreundliches Putzmittel).
Im Utilitarismus müssen zwei Handlungen, die im gleichen Maß zum allgemeinen Wohl beitragen, als gleichwertig angesehen werden, auch wenn eine davon eine bestimmte Gruppe benachteiligt. So wäre es durchaus legitim, die allgemeine Arbeitslosigkeit durch ein Arbeitsverbot für verheiratete Frauen zu bekämpfen.
Mit dem Utilitarismus lässt sich nicht nur eine Diskriminierung von Minderheiten, sondern auch deren Eliminierung rechtfertigen, wenn dies vermeintlich dem Wohl der größtmöglichen Zahl diente. Es gibt also kein Gerechtigkeitsprinzip, was zu Missbrauch führen kann.

 

4.6.4 Ethischer Hedonismus

Diese von ARISTIPP begründete Lehre wird unter die sehr ungenaue Sammelbezeichnung Eudämonismus (= unterschiedliche ethische Lehren mit dem - sehr unterschiedlich verstandenen - Glück als höchstem erstrebenswerten Gut) gerechnet. Der Hedonist soll auf größtmöglichen individuellen Lustgewinn aus sein.

 

4.6.5 Epikurismus

In dieser Lehre dominiert als Ideal das persönliche Glück des Einzelnen (Eudaimonia). Hier wird "Lust" nicht hedonistisch gesehen, sondern meint die Vermeidung alles dessen, was, bei vernünftigem Abwägen auf lange Sicht gesehen, mehr Leid als Lust erzeugt. Ziel ist das Leben im Verborgenen. Genuss bedeutet maßvolles Genießen. Nur durch dieses kann Glück erreicht werden. Als moderner Vertreter dieser Richtung kann NIETZSCHE gesehen werden.

Übung:
Welche dieser ethischen Positionen entspricht am ehesten meiner moralischen Haltung? Ist diese durchdacht? Ist damit ein akzeptables Gleichgewicht zwischen meinen Bedürfnissen und dem Gemeinwohl erreicht?

 

4.7 Herausforderung der Ethik in der Gegenwart

4.7.1 Wissenschaftsethik

Dürfen die Menschen alles tun, was technisch möglich ist (z.B. Gentechnik, Klonen, Leihmutterschaft, Sterbehilfe, ...)?

Werturteilsstreit (Positivismusstreit):

Empirisch-analytische Wissenschaften (POPPER, ALBERT): "Wissenschaft ist nur dann als solche zu betrachten, wenn sie wertfrei agiert." Wertfreiheit als oberster Wert der Wissenschaften.
Dialektisch-hermeneutische Wissenschaften (ADORNO, HABERMAS): "Wissenschaftliche Forschungen werden von Menschen betrieben. Sie sind also immer mit einem gewissen Erkenntnisinteresse und so notwendigerweise mit Wertsystemen verbunden."

Überlegungen:
Wie entwickeln sich Wissenschaften und wie werden sie kontrolliert?

Der Wiener Kreis meint: "Wir müssen das Schiff auf hoher See umbauen."
Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas Samuel KUHN (*1922-1996) spricht in diesem Zusammenhang von einem Paradigmenwechsel. Unter Paradigma versteht man die eine Wissenschaft in einer Periode prägenden Auffassungen. Das Paradigma regelt, was als eine befriedigende Problemlösung gelten darf und welche Probleme als interessant und untersuchenswert anzusehen sind. Das Paradigma greift über den theoretischen Bereich hinaus und beeinflusst die Beobachtungen selbst. In der Wissenschaftsgeschichte kommt es vor, dass ein Paradigma abgelöst wird. Kuhn spricht dann von einer "wissenschaftlichen Revolution". Dazwischen liegen die Perioden "normaler Wissenschaft".
Paul Karl FEYERABEND (1924-1994), Schüler POPPERs und ebenfalls Wissenschaftstheoretiker, schreibt in seinem Werk "Anything goes. Wider den Methodenzwang", dass die Wissenschaften durch die "natürliche Schlauheit"der Menschen kontrolliert würden, und forderte die Gleichheit aller Erkenntnismethoden ("wie kann man beweisen, dass die Regentänze nichts nützen?") sowie das Misstrauen gegen jede Herrschaft von Experten.

 

4.7.2 Aufgaben einer modernen Ethik

Kurt WUCHTERL (*1931) sieht eine moderne Ethik unter folgenden Bedingungen verwirklicht:

  • Fernethik: langfristige Konzepte und Lösungen
  • Globalethik: von allen für alle
  • Ökoethik: naturbezogen, Berücksichtigung biologisch-psycho-sozialer Grundlagen

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