Das Höhlengleichnis
SOKRATES: Stell dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnstätte mit lang nach aufwärts gestrecktem Eingang. Von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt mit Fesseln an Schenkeln und Hals; sie bleiben also immer an derselben Stelle und sehen nur geradeaus vor sich hin, denn durch die Fesseln werden sie gehindert, ihren Kopf herumzubewegen. Von oben her aber, aus der Ferne, leuchtet hinter ihnen das Licht eines Feuers. Zwischen diesem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, dem entlang eine niedrige Mauer errichtet ist ähnlich der Schranke, die die Puppenspieler vor den Zuschauern errichten, um über sie weg ihre Kunststücke zu zeigen. Längs dieser Mauer tragen Menschen allerlei Geräte vorbei, die über die Mauer hinausragen, Statuen verschiedenster Art aus Stein und Holz von Menschen und anderen Lebewesen.
GLAUKON: Ein sonderbares Bild, das du da vorführst, und sonderbare Gefangene.
SOKRATES: Sie gleichen uns. Können denn zunächst solche Gefesselte von sich selbst und voneinander etwas anderes gesehen haben als die Schatten, die von dem Feuer auf die ihnen gegenüberliegende Wand der Höhle geworfen werden?
GLAUKON: Wie wäre das möglich, wenn sie ihr Leben lang den Kopf unbeweglich halten müssen?
SOKRATES: Diese Gefangenen würden also überhaupt nichts anderes für wahr halten als die Schatten der künstlichen Gegenstände?
GLAUKON: Notwendig.
aus: de.wikipedia.org
SOKRATES: Wenn nun einer von ihnen aus den Fesseln befreit und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, sich in Bewegung zu setzen und nach dem Licht emporzublicken und alles dies nur unter Schmerzen verrichten könnte und geblendet von dem Glanz nicht imstande wäre, jene Dinge zu erkennen, deren Schatten er vorher sah, was glaubst du wohl, würde er sagen, wenn man ihm versicherte, er hätte damals lauter Nichtigkeiten gesehen? Meinst du da nicht, er werde weder aus noch ein wissen und glauben, das vorher Geschaute sei wirklicher als das, was man ihm jetzt zeige?
GLAUKON: Weitaus.
SOKRATES: Wenn man ihn nun aber von dort gewaltsam durch den holperigen und steilen Aufgang aufwärts schleppte und nicht eher ruhte, bis man ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, würde er diese Gewaltsamkeit nicht schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben? Und wenn er an das Licht käme, dann würde er, völlig geblendet von dem Glanz, von alledem, was ihm jetzt als das Wahre angegeben wird, überhaupt nichts zu erkennen vermögen?
GLAUKON: Nein, wenigstens für den Augenblick nicht.
SOKRATES: Er würde sich also erst daran gewöhnen müssen, wenn es ihm gelingen soll, die Dinge da oben zu schauen. Zuerst würde er wohl am leichtesten die Schatten erkennen, später die Gegenstände selbst; in der Folge würde er dann zunächst bei Nacht die Erscheinungen am Himmel und den Himmel selbst betrachten und das Licht der Sterne und des Mondes anschauen. Das wird ihm leichter fallen, als wenn er bei Tage die Sonne und das Sonnenlicht ansehen sollte. Zuletzt dann, denke ich, wird er imstande sein, die Sonne selbst in voller Wirklichkeit zu schauen und ihre Beschaffenheit zu betrachten.