2 Wirklichkeit
Idealismus Materialismus Konstruktivismus
2.1 Der Idealismus
Der philosophische Idealismus ist im Wesentlichen durch die Auffassung
charakterisiert, dass die Prinzipien (Ursachen, Grundlagen und Grundregeln)
sowie die Bausteine des Seienden immateriell (körperlos) sind.
Der Name stammt von PLATON, der zeit- und raumlose Ideen, z. B. das
Gute, das Wahre und das Schöne als die eigentliche, unveränderliche
Wirklichkeit betrachtete.
2.1.1 Platon (427-347 v.Chr.)
Schüler des Sokrates (ca. 470-399 v.Chr.)
Lehrer des Aristoteles (384-322 v.Chr.)

PLATON
Das Höhlengleichnis dient PLATON
zur Beschreibung der verschiedenen Stufen menschlicher Erkenntnis.
Darüber hinaus entwirft der Philosoph darin seine Ideenlehre:
Die Ideen bilden demnach ein geordnetes System, dessen Prinzip die Idee
des Guten darstellt. Weitere "Hauptideen" sind das Wahre und das Schöne.
Dem Österreichischen Schulunterrichtsgesetz zufolge ist das Hauptziel
der Schule die Belehrung der Jugend nach den Prinzipien des Guten,
Wahren und Schönen.
Gleichnisdeutung:
Im Gleichnis werden mindestens zwei Wirklichkeitsebenen unterschieden:
Ebene des Sichtbaren (Schatten auf der Rückwand - vorbeigetragene Gegenstände - Feuer; Spiegelungen
im See - Bäume/Dinge in der Natur - Sonne) = Scheinwelt (Abbilder der Wirklichkeit).
Ebene des Denkbaren, des Guten, Wahren und Schönen, der Ideen = eigentliche Wirklichkeit (Urgrund des Seins).
Dinge sind Abbilder von Ideen. Diese sind einzigartig und unveränderlich.
Erkenntnis (der Aufstieg aus der Höhle) ist möglich, aber schmerzlich
und manchmal auch gefährlich!
Daraus ergibt sich die Platonische Wirklichkeitsauffassung:

Abb. © Heinz Hartmann, 2000
Die subjektive Einzelseele steht über die Erfahrung in Verbindung mit der Objektwelt. Gleichzeitig besteht eine Verbindung zum Göttlichen, die PLATON als Anamnesis (Wiedererinnerung) bezeichnet. Die Objekte sind Abbilder der Ideen (Methexis, Teilhabe).
Die Idee hat bei PLATON mindestens vier verschiedene Bedeutungen als:
| allgemeiner Begriff (von SOKRATES übernommen) | |
| das Wesen des Dings, das ein Ideales ist, also das eigentliche Ding | |
| Ursache bzw. Seinsgrund für die Abbilder | |
| Ziel, Zweck, Erstrebenswertes |
2.1.2 G. W. F. Hegel (1770-1831)

Georg Wilhelm Friedrich HEGEL
gilt als Begründer der dialektischen
Logik und als herausragender Vertreter des deutschen Idealismus.
Die Hegelsche Dialektik kann als einer der Höhepunkte spekulativer
Philosophie bezeichnet werden.
In seiner Theorie anerkennt HEGEL zwar die Existenz der Materie, lehrt
aber das Primat der Idee:
"Der absolute Weltgeist ist tätiges Wesen, welches Welt
hervorbringt. Die Bewegung des Geistes ist der Fortgang vom An-Sich-Sein
über das Außer-Sich-Sein zum Für-Sich-Sein (siehe auch
Dialektik). Nur das, was einen Widerspruch in sich trägt, kann sich
entwickeln. Entwicklung ist Negation der Negation."
Das dialektische Prinzip stellt für HEGEL sozusagen ein
"Naturgesetz" dar. Es gilt für eine Diskussion in gleicher Weise wie
für die gesamte menschliche Geschichte:
Aus der These erwächst eine Antithese, sie birgt den Widerspruch
schon in sich; in der Synthese heben sie sich gegenseitig auf. Die
Aufhebung erfolgt im dreifachen Sinne:
| beseitigen | |
| höherstellen | |
| bewahren |
Die Synthese enthält die nächste Antithese u. s. w.

Abb. Heinz Hartmann, 2000
2.2 Der Materialismus
Im Widerspruch zum Idealismus steht der Materialismus, die Auffassung, dass alles Seiende aus Materie besteht. Auch diese findet man bereits bei den alten Griechen.
2.2.1 Der Atomismus
DEMOKRIT (470/60-380/70), Schüler des LEUKIPP (um 450 v. Chr.),
gilt als Begründer des
|
Die Welt besteht aus unendlich vielen, unzerstörbaren Atomen mit unterschiedlicher Größe und Gestalt. Diese wirbeln im leeren Raum in ewiger Bewegung. Sie sind der Urstoff allen Seins. |
2.2.2 Der Dialektische und Historische Materialismus
Wichtige Vertreter:
Karl MARX (1818-1883) Friedrich ENGELS (1820-1895) und LENIN (1870-1924,
eigentlich: Wladimir Iljitsch ULJANOW)
Karl MARX
Seine Philosophie ist die Reaktion auf den Idealismus HEGELs. Von MARX stammt auch folgende Kritik an der Philosophie, welche hauptsächlich gegen die Idealisten gerichtet ist: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern."
MARX sieht HEGELs Philosophie nicht grundsätzlich als falsch an, sondern lehnt nur das Primat der Idee ab und bekennt sich zum Primat der Materie. Man müsse HEGEL also "vom Kopf auf die Füße stellen".
Im Gegensatz zu den meisten anderen philosophischen Theorien hatte der Marxismus in mehr oder minder abgewandelter Form große Wirkung auf die Nachwelt. Auch heute noch spielen marxistische Anschauungen gerade in den Ländern der Dritten Welt eine große Rolle.
Die Philosophie des Marxismus-Leninismus wird durch die beiden Theorien des dialektischen Materialismus (DIAMAT) sowie des historischen Materialismus (HISTOMAT) gebildet: Die eigentliche Substanz der Welt ist demnach die Materie. Das Bewusstsein wird davon nicht ausgenommen; es wird als das höchste Produkt der Materie angesehen. Das Grundprinzip des dialektischen Materialismus ist - der Name sagt es - die Dialektik, was in krassem Widerspruch zur klassischen Logik steht, wo der Widerspruch ausgeschlossen war. Die Natur, die Gesellschaft und das Denken stehen in einem universalen dialektischen Zusammenhang. ENGELS formuliert drei Hauptgesetze für die naturalistische Dialektik:
| Umschlagen von Quantität in Qualität | |
| gegenseitiges Durchdringen der Gegensätze | |
| Entwicklung durch Negation der Negation |
MARX stellt aber nicht nur die Forderung nach einer materialistischen Ausrichtung der Gesellschaftstheorie, sondern auch nach deren historischer. In diesem Sinne entwickelt er den historischen Materialismus.
Dabei ist die Basis-Überbau-Theorie eine wesentliche:

Abb. ©Heinz Hartmann, 2000
Die Basis-Überbau-Theorie soll die Wechselwirkung zwischen den materiell-ökonomischen und den ideologischen Verhältnissen einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen.
Dabei versteht man unter der (realen) Basis die Gesamtheit der materiellen ökonomischen Verhältnisse (Produktionsverhältnisse). Das sind die Produktivkräfte (z. B. Arbeitskraft, Bildung, Technik) sowie die Produktionsmittel (z. B. Grund und Boden, Maschinen, Kapital).
Aus der Basis erhebt sich der Überbau, das System der politischen, juristischen, kulturellen, moralischen und religiösen Anschauungen samt der entsprechenden Institutionen (z. B. Staat, Parteien, Kirchen), wobei der klassische Marxismus die Religionen ablehnt. Während der frühe MARX (a) noch von einer einseitigen Beziehung ausging, d.h. dass die Basis auf den Überbau wirke, so spricht er später (b) von einer Wechselwirkung, von einem dialektischen Prozess. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, umgekehrt kann aber auch der sog. Überbau das Sein beeinflussen.
Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte von Klassenkämpfen und nicht die Verwirklichung des Weltgeistes, wie es HEGEL noch behauptet hatte.
2.3 Der Konstruktivismus
Hauptexponenten des Konstruktivismus sind die beiden chilenischen Biologen
Humberto MATURANA (*1928) und Francisco VARELA (1946-2001), sowie der Österreicher Paul WATZLAWICK (1921-2007), v.GLASERSFELD
(*1917), USA und Gerhard VOLLMER (*1943), D.
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass das, was wir als Wirklichkeit bezeichnen, eigentlich nur eine Konstruktion darstellt, die wir aufgrund
unserer Sinne und der Interaktion mit anderen Menschen erstellen.
Diese Theorie sieht sich dadurch bestätigt, dass die menschliche
Wahrnehmung trotz ihrer "Verlängerung" durch die moderne
Technik beschränkt ist (--> Reizschwellen,
blinder Fleck, Drei-Schalen-Versuch,
Wahrnehmungstäuschungen)
und dass unser Wahrnehmen ja nicht objektiv erfolgt, sondern dass es im
Gehirn zu Filterprozessen, zum Einfließen von Gefühlen, Wertungen
und Erinnerungen kommt.
Presse, Film, Fernsehen, Radio, Foto, Videospiel, Computer, CD, Comics
und andere Medien tragen dazu bei, dass die Realität/Wirklichkeit
medial produziert und reproduziert (Interaktion der Hirnzellen!) wird:
Die Grenzen zwischen Realität und Kunst bzw. Künstlichkeit verschwimmen.
Die Frage nach dem eigentlichen Sein wird heute oft gar nicht mehr gestellt.
Die große Mehrheit der Menschen begnügt sich mit der Konsumation
der von Menschen erzeugten Bilder bzw. Konstrukte.
"Auf dieser Grundlage formuliert der Radikale Konstruktivismus mit Hilfe von Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung... seine Grundprinzipien:
1.(a) Wissen wird nicht passiv aufgenommen, weder durch die Sinnesorgane noch durch Kommunikation.
(b) Wissen wird vom denkenden Subjekt aktiv aufgebaut.
2.(a) Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art, und zwar im biologischen Sinne des Wortes, und zielt auf Passung oder Viabilität;
(b) Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts und nicht der 'Erkenntnis' einer objektiven ontologischen Realität." (v. GLASERSFELD)
Im Unterschied zum Solipsismus (Die Welt außerhalb des Subjekts ist nur Einbildung) geht der Konstruktivismus von einer außerhalb des Subjekts existierenden Welt aus, die allerdings durch subjektive Konstruktion erfahren wird.
Abb. Rene MAGRITTE (1898-1967)
Überlegungen zur Verdeutlichung dieser Wirklichkeitsauffassung:
| Einem Kapitän, dem die Aufgabe gestellt ist, bei dunkler und stürmischer Nacht eine Meerenge zu durchfahren, von der es keine Seekarte gibt, die keinerlei Navigationshilfen aufweist, ja von der nicht einmal sicher ist, ob überhaupt eine für sein Schiff befahrbare Route hindurchführt, gelingt die Passage, ohne dass sein Schiff strandet oder untergeht. |
Kann man nun sagen, er kenne jetzt die wahre Beschaffenheit dieses Seegebietes? Begründen Sie ihre Antwort.
Die Geschichte vom achtzehnten Kamel:|
Ein Mullah ritt auf seinem Kamel nach Medina; unterwegs sah er
eine kleine Herde von Kamelen; daneben standen drei junge Männer,
die offenbar sehr traurig waren. |