1 Allgemeines zur Psychologie

Begriffe Leib-Seele-Problem Argumente Aufgaben Methoden Richtungen Anwendungsbereiche

1879 Gründung und Eröffnung des 1. psychologischen Instituts durch Wilhelm WUNDT (1832-1920) in Leipzig. Beginn der Psychologie als institutionalisierte Wissenschaft.

 

1.1 Begriffe

Psychologie: Lehre vom Erleben (Fühlen, Nach - Denken) und Verhalten (Reagieren, Handeln, Bewerten).

Psychisches:
psychische Funktionen psychische Kräfte
Wahrnehmung
Gedächtnis und Lernen
Denken und Sprechen
Emotion und Motivation

Eigenart des Seelischen:
Körperliches Seelisches
raumfüllend
messbar
mit den Sinnen wahrnehmbar
grundsätzlich von mehreren Menschen beobachtbar
raumlos, gewichtslos
nicht direkt messbar (nur an körperlichen Auswirkungen)
Eigenseelisches wird nicht mit den Sinnen wahrgenommen, sondern jeweils vom Subjekt unmittelbar erlebt.

Fremdseelisches Eigenseelisches
Als seelisches Erleben eines anderen nie direkt gegeben, sondern nur nach meiner eigenen inneren Erfahrung indirekt erschließbar und deutbar, z. B. über den Ausdruck bzw. das Verhalten des anderen. Als mein eigenes seelisches Erleben allein unmittelbar gegeben.

Bewusstseinsebenen (-grade):
bewusst: aktiver Bezug eines Individuums zu den Gegebenheiten der Umwelt und des Ich bewusstlos: ohne Bewusstsein
  unterbewusst: augenblicklich nicht bewusst, aber jederzeit abrufbar, z. B. Geburtsdatum
  unbewusst: nicht bewusste psychische Prozesse; können nur unter bestimmten Bedingungen bewusst werden.

 

1.2 Das Psychophysische Problem (Leib-Seele-Problem)

Das Psychophysische Problem ergibt sich aus den unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich des Zusammenhangs bzw. der Unterschiede zwischen Leib (Körperliches) und Seele (Immaterielles).

 

1.2.1 Vorstellungen von der Seele

Altes Ägypten:
Die Seele wird als Vogel mit Menschenkopf dargestellt, sie belebt den Körper. Im Schlaf fliegt der Vogel weg, beim Erwachen kehrt er zurück. Der Tod tritt ein, wenn der Vogel nicht mehr zurück kehrt.
 Abbildung von Zeichnung aus ägyptischer Grabkammer

Antikes Griechenland:
Die Seele ist kleines Abbild der Persönlichkeit, so verlässt ein kleiner Krieger den Körper nach dem Tod auf dem Schlachtfeld.

Fernost:
Seele als Hauch, Atem (atman)

Parapsychologie:
Seele als zweite Haut (Aura), Geisterseelen

Philosophie:
Seele als Weltgeist (Gott, Allseele)

Andere:
Seele als unsichtbares Organ, unsterbliche Seele der Religionen

1.2.2 Lokalisation der Seele
früher: Bauch, Eingeweide
dann: Herz, Drüsen, Gehirn (erstmals bei den Pythagoräern)

heute:
Das Nervensystem ist die organische (körperlich-materielle) Grundlage (der Träger) des Psychischen. Seelisch-Geistiges ist ein Komplex psychischer Funktionen und Kräfte. Der Mensch ist ein informationsverarbeitendes System.

Die eigentliche Grundfrage, wie Körper und Seele genau zusammenhängen, ist damit nicht geklärt. An diese Aufgabe machen sich heute die sogenannten Neurowissenschaften Biologie, Psychologie, Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatik u.a.

 

1.2.3 Theorien zum psychophysischen Problem
monistische Theorien (nur eine Substanz/Qualität):
Idealismus:
  • PLATON, HEGEL und Spiritualismus: die Ideen, das Psychische, das Geistige ist das eigentlich Wirkliche.
Materialismus:
  • DEMOKRIT: die Materie, das Stoffliche, das Körperliche ist das eigentlich Wirkliche.

  • MARX: Das Psychisch-Geistige ist ein Produkt der Materie.
Identitätstheorien:
  • SPINOZA: Es gibt nur eine Wirklichkeit. Analogie zur optischen Linse mit konvexer und konkaver Seite. Je nach Standpunkt bzw. Perspektive, meinen wir zwei verschiedene Wirklichkeiten zu erkennen.

  • BOHR: Analogie zum Licht mit Teilchen- und Wellencharakter.

  • YIN-YANG: Sowohl eine männliche (helles Yang) als auch eine weibliche Kraft, jede hat einen Kern der anderen in sich.
    Abb. aus: taichi.wikidot.com

dualistische Theorien (zwei verschiedene Substanzen/Qualitäten):
Parallelismus:
  • LEIBNIZ: Körperliche und seelische Prozesse laufen parallel zueinander ab. Es gibt einen Schöpfergott, der nicht mehr eingreift (Deismus): "prästabilierte Harmonie" von Leib und Seele (von Gott harmonisch abgestimmt).
Wechselwirkung:
  • DESCARTES, Psychosomatik: Leib und Seele sind qualitativ unterschiedlich, stehen aber in einer ständigen Wechselwirkung,, beeinflussen sich daher gegenseitig.

 

1.2.4 Wissenschaftlich fundierte Argumente für die Abhängigkeit des Psychischen von neuronalen Prozessen
Magnetresonanz; Scan eines menschlichen Kopfes (Abb. eines privaten Dias)
Man sieht deutlich Großhirn, Balken, Thalamus, Hypophyse, Stammhirn und Kleinhirn.

Für die Abhängigkeit der Psyche vom Nervensystem sprechen folgende Argumente:
 Nervensystem tot -> keine psychischen Funktionen und Kräfte erkennbar
 Zufuhr von chemischen Substanzen -> Veränderung der Psyche. Auch psychische Störungen können mit Erfolg chemisch behandelt werden
 Hormonelle Veränderungen -> Einfluss auf psychische Kräfte
 Elektrostimulation oder Verletzung bestimmter Gehirnzentren -> Beeinflussung der entsprechenden psychischen Funktionen
 Split Brain: Balken wurde bei Epileptikern durchtrennt -> Erlebensspaltung
 Mehr dendritische Verzweigungen -> höhere Intelligenz
 Physische Entwicklung -> psychische Entwicklung (Pubertät!)

 

1.3 Aufgaben der wissenschaftlichen Psychologie

  • Beschreiben: Systematisches und theoriegeleitetes Erfassen und Registrieren
  • Erklären: Welche Bedingungen führen zu welchen Folgen?
  • Prognose: Entwicklungen abschätzen
  • Kontrolle: beeinflussen, verändern, Therapie etc.

 

1.4 Methoden der wissenschaftlichen Psychologie

1.4.1 Die Beobachtung:

Selbstbeobachtung - Fremdbeobachtung
natürlich - künstlich (z. B. Labor)
systematisch - zufällig

Aufzeichnen und Registrieren des Beobachteten zur (späteren) Auswertung und Interpretation.

 

1.4.2 Die Befragung:

Mittels Fragebogen oder Interviews werden Einstellungen, Meinungen, Wünsche, ... einer größeren Zahl von Personen untersucht und ausgewertet.

 

1.4.3 Der Test:

Der Test misst Persönlichkeitsmerkmale bzw. einzelne Komponenten der Person, z. B. Gedächtnis, Wortschatz, Auffassungsvermögen, Schlagfertigkeit, strategisches Denken, psychomotorische Eigenschaften, Intelligenz, ...

 
1.4.4 Das Experiment:

Es zielt auf allgemeingültige Aussagen durch systematische Beobachtung und Registrierung eines Vorgangs unter kontrollierten Bedingungen nach folgendem Schema:

Name Eingangstest Unabhängige Variable Abhängige Variable Auswertung, Vergleich
Versuchsgruppe Xquer = 10 z.B. Film Xquer = 20 ?
Kontrollgruppe Xquer = 12 - Xquer = 13 ?

Die durchschnittliche Zahl der Aggressionen pro Zeitintervall (x quer) hat sich bei der Versuchsgruppe auf Grund des eingesetzten Films verdoppelt. Bei der Kontrollgruppe gab es eine leichte Zunahme, die durch die zeitliche Verzögerung erklärbar ist.
Bei diesem Experiment wurde bewiesen, dass der Einfluss von Medien auf das Verhalten von Kindern eindeutig ist. Dies trifft umso mehr zu, je mehr sich die Kinder mit den Hauptdarstellern identifizieren. Und das ist vor allem dann der Fall, wenn die Vorbilder erwachsene Idole sind.

 

1.5 Richtungen der Psychologie

1.5.1 Die Psychoanalyse

Sigmund FREUD (1856 – 1939), A

1856 in Freiberg/Mähren geboren
1860 Übersiedlung nach Wien
1873 – 1881 Studium der Medizin in Wien
1885/86 zum Studium der Hypnose ca. ein halbes Jahr in Paris bei CHARCOT
1886 Eröffnung einer Privatpraxis
1891 Umzug mit seiner Familie in die Berggasse 19 im IX. Bezirk
1900 Veröffentlichung von "Die Traumdeutung"
1938 vor den Nationalsozialisten nach London geflüchtet
1939 in London an Krebs gestorben.
Die Theorien FREUDs haben weltweit großen Einfluss, vor allem in der Psychologie, aber auch in anderen Kulturwissenschaften.

Abb. aus www.human-nature.com

Weitere wichtige Vertreter:
C.G. JUNG (1875-1961), A. ADLER (1870-1937), beide Schüler FREUDs
E. FROMM (1900-1980) u. V. FRANKL als Vertreter der Neopsychoanalyse

Der Mensch und sein Verhalten sind weitgehend bestimmt durch Triebimpulse. Nach dem "Eisberg-Modell" von FREUD sind 1/5 des Psychischen bewusst, 4/5 unbewusst:
EisbergtheorieZeichnung: Heinz Hartmann

Mittels psychoanalytischer Methoden (freie Assoziation, Traumdeutung, Hypnose) kommt man an das Unbewusste heran.

Couch Die berühmte FREUD`sche Couch

Abb. aus: en.wikipedia.org

FREUD entwickelte das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell (Es, Ich, Über-Ich), um zu zeigen, welche Wechselwirkungen zwischen den unbewussten Triebkräften und dem teilweise bewussten Ich ablaufen.
Seine Tochter Anna FREUD erforschte insbesondere die Abwehrmechanismen des Ich.

 

1.5.2 Behaviourismus

J. B. WATSON (1878 - 1958), C:L. HULL (1884 – 1952), B.F. SKINNER (1904 – 1990), USA

INPUT, Reiz ->BLACK BOX
Vorgänge nicht messbar
-> OUTPUT, Reaktion

Der Mensch ist bestimmt durch die Umwelt. Er ist das Produkt von Lernprozessen. Im Zentrum stehen empirische Forschungsmethoden (z. B. Experimente).

Zentraler Forschungsgegenstand: beobachtbares Verhalten, Reiz – Reaktionsverknüpfungen
Problemkäfig

 

1.5.3 Kognitivismus

A. MASLOW, Ch. BÜHLER, J. PIAGET, C. ROGERS, F. PERLS, TOLMAN und als Vorläufer die Gestaltpsychologen KÖHLER und WERTHEIMER

zentral: Kognition (Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen, Denken und Sprache, "Erkenntnisapparat") bzw. bewusstes Erleben.

aus: derstandard.at

Erinnerungen, Einsichten und Erwartungen bestimmen das Verhalten.
Positive Verhaltensaspekte, Kreativität, Freiheit, Sinnfrage, Selbstverwirklichung und psychische Gesundheit stehen im Zentrum der Forschungsinteressen.

 

1.5.4 Das Integrationsmodell

nach NOLTING u.a., D um 1980



Abb. Heinz Hartmann nach NOLTING/PAULUS u.a.


Nach NOLTING u.a. wird man der Komplexität des Psychischen nur gerecht, wenn man systemisch denkt und handelt. Nicht eine Ursache bewirkt ein bestimmtes Verhalten, sondern ein dynamisches Geflecht von Faktoren.
Die entsprechend entwickelte Person steht immer von neuem in unterschiedlichsten Situationen. In diesem Spannungsfeld Person – Situation spielen sich die aktuellen psychischen Prozesse ab. Diese verändern die Person (durch das Lernen) und die Situation (durch das Verhalten).
Es geht also darum, bei der psychologischen Tätigkeit (Forschung, Lehre, Analyse und Therapie) diese unterschiedlichen Systeme zu integrieren und nicht auf einen Aspekt zu beschränken.

Wie sagte schon HEGEL: "Das Wahre ist das Ganze."

 

1.6 Anwendungsbereiche der Psychologie

  Klinische Psychologie: Diagnose, Beratung und Therapie psychischer bzw. psychosomatischer Probleme und Störungen.
  Pädagogische Psychologie: Erziehungs- und Lernprobleme, Beratung von Bildungsinstitutionen.
  Forensische Psychologie: Gerichtspsychologie, z. B. Ermittlung der Schuldfähigkeit oder der Motivation eines Täters.
  Organisations- und Arbeitspsychologie: Betriebspsychologie, Eignungsdiagnostik, Menschenführung, Werbepsychologie
 Sportpsychologie: z. B. Mentalbetreuung von Sportlern und Trainern
  Ehe- und Familienberatung: z. B. Mediation, Partnerschafts- bzw. Generationenkonflikte
 Tierpsychologie: Studium des Verhaltens von Tieren

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