4 Denken und Sprache
Vieldeutige Begriffe, aber enge Beziehung zueinander! Unterschiede?
Übung: Notieren Sie zehn verschiedene Bedeutungen des Begriffs
"denken."
4.1 Denken
| Verarbeiten von Information | |
| geistiges Probehandeln mittels Vorstellungen mit dem Ziel der Problemlösung | |
| etwas reflektieren, auch: über das Denken nachdenken |
4.1.1 Werkzeugdenken
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KÖHLER´s Versuche zum Denken von Primaten |
Werkzeugdenken tritt hauptsächlich im Tierreich und bei Klein(st)kindern
auf.
Zentral ist die Anschauung, allerdings handelt es sich nicht um
geistloses Herumprobieren, sondern es ist verbunden mit Einsicht (Aha-Erlebnis!).
Das AhaErlebnis (das plötzliche, unmittelbare Verstehen
eines Sachverhalts) charakterisiert den Unterschied zum trial and error (bloßes Herumprobieren, Problemlösung zufällig).

Abb. Heinz Hartmann, 2000
4.1.2 Sprachgebundenes Denken
= Denken mittels Begriffen:
Begriffe sind unanschauliche Allgemeinheiten (das Gemeinte), die durch Abstraktion
(Absehen von einzelnen, unwesentlichen Merkmalen) und Determination
(genauere Bestimmung) entstehen und u. a. durch Hinweisdefinitionen, durch das Entdecken und Behalten sogenannter Unterscheidungskonstanten
und durch Nachahmung/Übung gelernt werden.
Begriffe sind wesentliche Merkmale, die gedacht werden, wenn Worte/Symbole/Zeichen auf ein Objekt bzw. Sachverhalt verweisen.

Manche Begriffe haben mehrere Namen (Matura, Abitur, Reifeprüfung),
andere sind mehrdeutig ("Bank", "Strauß").
Ihre Bedeutung unterliegt dem historischen Wandel ("Dirne",
"Auto"). Begriffe werden von uns zu Gruppen/Klassen zusammengefasst,
hierarchisch geordnet, verändert und/oder neu geschaffen.
Es kommt zu Konzeptbildungen durch kognitive Muster (Strukturen,
Schemata, Einstellungen).
4.1.3 Kreativität
= Gestaltungsfähigkeit
= produktives Denken
= schöpferisches Denken
| Kombination alter Elemente |
|
| Variation alter Elemente |
|
| Komposition neuer Elemente |
Umstrukturierung oder Neuschöpfung von Gedanken, Vorstellungen,
Begriffen bzw. Objekten.
(vgl. Beitrag zu Kreativität aus "Psychologie heute", September
1991)
4.1.4 Denkstile und Problemlösungsstrategien
| Versuch und Irrtum:
trial and error tastendes Suchen, mehr oder weniger zufälliges Erreichen des Ziels |
|
| Logische Analyse: Zerlegung, Untergliederung konzentriertes, systematisches Zerlegen eines Problems, Schritt für Schritt und meist mit Hilfe der Logik |
|
| Intuition: unmittelbares,
ganzheitliches Verstehen holistisches, synthetisches und unmittelbares Erfassen eines Sachverhalts, oft unbewusst, intuitiv |
Die Problemlösungsstrategien werden in den meisten Fällen kombiniert angewendet.
Eines der größten Probleme beim Problemlösen ist die funktionale Fixierung: Die Beschränkung der Überlegungen und Handlungen auf herkömmliche Mittel und Verfahren, siehe auch: 9-Punkte-Problem!
Einige Tipps zur Problemlösung:
| Problem zu verstehen versuchen: Was liegt vor? Was ist erwünscht? | |
| Mögliche Lösungen: Wie ging das früher? Eine oder mehrere Lösungsmöglichkeiten? | |
| Lösungsmöglichkeiten bewerten: Auswahl der besten Lösung |
4.1.5 Ein Denkmodell von GUILFORD

Abb. © Heinz Hartmann, 2000 nach GUILFORD
4.2 Sprache
Denken heißt schweigend zu sich selbst sprechen (innerer Monolog).
Sprechen ist kein bloßes Verhalten, sondern eine Handlung
(mit Absicht und Ziel).
Sprache ist das wichtigste Kommunikationsmittel.
4.2.1 Die dialogische Struktur der Sprache
| Sender
Empfänger |
-- -- |
Nachricht Feedback |
-- -- |
Empfänger
Sender |
4.2.2 Sprachfunktionen nach Karl BÜHLER (1879-1963)
aus: wikipedia.de
| AUSDRUCK: innere Zustände werden kundgetan, z.B. Schmerzen | |
| APPELL: zur Auslösung bzw. Beeinflussung von Verhalten, z.B. Befehle erteilen | |
| DARSTELLUNG: Gegenstände benennen, Sachverhalte darstellen und erläutern |
4.2.3 Sprachtheorien
SKINNER
Sprechen und Denken werden, wie jedes Verhalten, durch Verstärkung
gelernt. Es findet eine Art verbale Konditionierung statt.
Schichtspezifische Unterschiede: in der unteren sozialen Schicht ist die
Sprachfähigkeit reduziert, weil die Sprachfertigkeiten weniger geübt
werden.
CHOMSKY
Untersuchungen von verschiedensten Sprachen veranlassten CHOMSKY zu folgender
Theorie:
Sprache ist nur zum Teil gelernt (Oberflächenstruktur), es
gibt eine verblüffende Ähnlichkeit aller Sprachen der Welt in
der Tiefenstruktur. Dazu gehören bestimmte lexikalische Begriffe
und Erzeugungsregeln. Die Beherrschung dieser Regeln bestimmt weitgehend
die Sprachkompetenz.
CHOMSKY betont die Kreativität der menschlichen Sprache. Wir können
Sätze bilden, die wir nie zuvor gelernt haben, ja auch solche, die
vielleicht noch nie formuliert wurden.
Einige Biologen unterstützen diese Theorie, z.B. LENNEBERG:
| Sprachfähigkeit hängt grundsätzlich (bis zu einem gewissen Wortschatz) nicht von der Intelligenz ab. | |
| Alle Kinder beginnen ungefähr im 12. Lebensmonat die Sprache zu entwickeln. | |
| Bestimmte biologische Reifungsvorgänge sind Voraussetzung für die Sprachfähigkeit. | |
| Es erfolgt eine Anpassung der angeborenen Sprachschemata an die soziale Umwelt. |
4.3 Intelligenz
Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen!?
ROHRACHER: Intelligenz ist der Leistungsgrad aller psychischen Funktionen.
GARDNER: Intelligenz ist ein Satz von Fähigkeiten und Fertigkeiten
zum Problemlösen oder Herstellen von Produkten.
4.3.1 Intelligenztheorien
- Hierarchisches Modell der Intelligenz von SPEARMAN:

Abb. ©Heinz Hartmann, 2000: Zu einem angeborenen Generalfaktor (G) kommen
spezifische, gelernte Faktoren (s) auf verschiedenen Ebenen hinzu.
- Multiple Intelligenz, Morphologisches Modell von GUILFORD:
120 Intelligenzfaktoren können unabhängig voneinander entwickelt werden. Es gibt drei verschiedene Dimensionen:
Inhalte (Materialien):
figural: alle wahrnehmbaren Gestalten
symbolisch: Zahlen, Buchstaben, Worte usw. ohne Berücksichtigung
der Bedeutung
semantisch: Bedeutung der Symbole
verhaltensbezogen: soziale Verhaltensweisen
Operationen (Prozesse):
Kognition: Finden und Erkennen von Informationen
Gedächtnis: Speicherung und Abruf von Informationen
divergentes Denken: Problembearbeitung mit offenen Lösungen in neuartiger
Weise
konvergentes Denken: Problembearbeitung mit eindeutigen, anerkannten Lösungen
Bewertungen: Beurteilung des Erkannten oder Produzierten nach Richtigkeit
und Brauchbarkeit.
Produkte (Ergebnisse):
Einheiten
Klassen
Relationen
Systeme
Transformationen
Implikationen
Die drei (voneinander unabhängigen) Dimensionen ergeben einen Würfel als morphologisches Modell der Intelligenz:
4 Inhalte x 5 Operationen x 6 Produkte = 120 Intelligenzfaktoren

Mehr als die Hälfte der Faktoren ist bereits messbar. Für die noch nicht festzumachenden Faktoren bietet das Modell einen Wegweiser.
- Die sieben Intelligenzen von Howard GARDNER:
- Sprachkompetenz (in allen Kulturen wichtig)
- Musikalität
- Logik+Mathematik
- Raumintelligenz
- Kinästhetische, psychomotorische Intelligenz
- Intrapersonale Intelligenz, Selbsterkenntnis/Selbstverwirklichung
- Interpersonale Intelligenz, soziale Kompetenz
4.3.2 Intelligenzquotient (IQ)
- 1905 BINET/SIMON, F:
Entwicklung des ersten Intelligenztests zur Auswahl von (wenig) begabten Kindern.
|
- WECHSLER:
Abweichungs-IQ: Für eine Altersgruppe wird mittels Eichstichprobe ein Mittelwert errechnet. Die Ergebnisse bei einem Intelligenztest zeigen also, ob der Getestete in seiner Altersgruppe über-, unter- oder durchschnittlich intelligent ist. Fast deckungsgleich mit WECHSLER ist die sogenannte moderne Stanford-Binet-Skala:

Aber auch die Intelligenz entwickelt sich (--> PIAGET).
Den Höhepunkt erreichen wir etwa zwischen 15 und 25 Lebensjahren.
Die Stärke des Rückgangs hängt davon ab, wann wir den Höhepunkt
überschreiten und wie wir unser Gehirn beschäftigen.
Intelligenztraining bis ins hohe Alter kann den Rückgang stark verlangsamen.

Beachte:
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|
Längsschnittuntersuchungen zeigen eher einen stetigen Anstieg des IQ bis ins hohe Alter. Entscheidend scheint für die gesamte kognitive Entwicklung das Neugier- bzw. Explorationsverhalten, das im Orientierungsreflex wurzelt.
4.3.3 Zwillingsuntersuchungen
Sie erwecken oft den Eindruck eines sehr hohen Anteils der Vererbung bezüglich der Intelligenz:
eineiige Zwillinge, gemeinsam aufgewachsen: r=0,925 (95 Paare)
eineiige Zwillinge, getrennt aufgewachsen: r=0,75-0,87 (53 Paare)
zweieiige Zwillinge, gemeinsam aufgewachsen: r=0,54 (127 Paare)
zweieiige Zwillinge, getrennt aufgewachsen: r=0,40 (?)
r = Korrelationskoeffizient: 0 (kein Zusammenhang) bis 1 (totaler Zusammenhang)
Kritikpunkte:
Zwillingsuntersuchungen sind fehlerhaft wegen zu geringer Probandenzahl.
Fehlerquellen ergeben sich mehrfach durch unterschiedlich starke Verflechtung
von erlernten und ererbten Faktoren, auch altersbedingt!
Statistische Normen:
| 1% Irrtumswahrscheinlichkeit: Ergebnis ist statistisch sehr signifikant |
| Ein Forschungsergebnis ist statistisch sehr signifikant, wenn in 99 von 100 Fällen ein Zusammenhang erwiesenermaßen besteht. |
| 5% Irrtumswahrscheinlichkeit: Ergebnis ist statistisch signifikant |
|
Ein Forschungsergebnis ist also statistisch signifikant, wenn in 95 von 100 untersuchten Fällen ein Zusammenhang nachweislich gegeben ist. |

Den
höchsten IQ hat die in New York lebende Amerikanerin
Marilyn vos SAVANT mit errechneten 228 Punkten! Sie
erzielte in einem Test als Zehnjährige den Durchschnittswert
einer 23jährigen. So hatte sie nach der klassischen Formel
von STERN 230 Punkte. Die Hochrechnung für das Erwachsenenalter
ergab 228. So steht es nun im Guinness-Buch der Rekorde. Sie arbeitet
heute als Schriftstellerin und schreibt Fachbücher über
Intelligenz. Sie ist mit dem Erfinder des Kunstherzens Robert Jarvik
verheiratet und hat zwei Kinder.