5 Emotion und Motivation

Begriffe Motivationstheorien Motivkonflikte Frustration Wollen Emotion

 

5.1 Motivation

Was setzt unser Verhalten in Gang? Wodurch werden wir zu unserem Denken und Handeln veranlasst?

 

5.1.1 Begriffe

Motive sind verhaltensbestimmende Anlassreize, die nicht direkt beobachtbar sind. Sie entstammen nicht nur unseren Vorstellungen, sondern auch unserem Körper (Durst, Schlafbedürfnis) bzw. der Umwelt (Eltern, Natur). Der Begriff Motiv wird heute stellvertretend für alle Antriebsreize (Bedürfnis, Drang, Trieb, Interesse...) verwendet.

Motivation ist der Sammelbegriff für alle Motive, die für eine Aktion bestimmend sind.
Man unterscheidet die intrinsische Motivation (man tut etwas, weil man es gerne tut) von der extrinsischen Motivation (man tut etwas, weil man es tun muss).

Reflex: angeborene, automatisierte, unwillkürliche Reaktion zum Schutz des Lebens bzw. der Gesundheit: Husten, Niesen, Lidschluss, Fluchtreflex.

Instinkt: angeborene Verhaltenskette in 4 Phasen (LORENZ, 1903-1989), z. B. Sauginstinkt:

1. Triebspannung (Hunger)
2. Schlüsselreiz (Brustwarze)
3. Appetenzverhalten (Suchbewegung)
4. Konsumation (Trinken)

Trieb: angeborenes, durch Lernprozesse überlagertes Verlangen (Drangerlebnis), z. B. Sexualtrieb, Spieltrieb.

 

5.1.2 Motivgruppen
  • Biologische Motive: Hunger, Durst, Schlaf, Sex, Fortpflanzung, Selbsterhaltung...
  • Soziale Motive (Bedürfnisse): Liebe, Kommunikation, Anerkennung, Image, Prestige, Macht, Nächstenliebe, Freundschaft, Hass, Abneigung, Neid, Eifersucht...
  • Kulturelle Motive (Interessen): Neugier, Wissensdurst, Ästhetik, Werte, Normen, Spieltrieb, Sport ...
  • Süchte/Abhängigkeiten: Süchte wirken ähnlich wie biologische Motive, sind aber nicht biologisch zweckmäßig. Spannungsreduktion meist nur kurzfristig, manchmal Dosissteigerung, um Spannungsreduktion zu erreichen.

 

5.1.3 Motivationstheorien

Wie entstehen Antriebe?

Neurologische Grundlage für die Motivation ist das Stammhirn, die Formatio reticularis und der Hypothalamus.

Versuch von DELGADO:
Einem Stier wurde eine Elektrode ins Aggressionszentrum eingepflanzt. So konnte der angreifende Stier -durch elektrische Reizung mittels Funk- von DELGADO gestoppt werden.

 

5.1.3.1 Theorie der Homöostase (Fließgleichgewicht)

Es erfolgt eine Selbststeuerung der Bedürfnisse nach Regelkreis – Prinzip:

aus: de.wikipedia.org

Kritik:

Gilt hauptsächlich für körperliche und autonome Bedürfnisse wie Temperaturregelung, Wasser-, Blutzucker- und Sauerstoffhaushalt. Gilt aber nicht für den Sexualtrieb! Gilt auch nicht für Kulturtriebe. Kann leicht gestört werden, siehe Süchte und Abhängigkeiten.

 

5.1.3.2 Kognitive Motivationstheorien

Wahrnehmungen (z. B. ästhetisch zubereitetes Mahl) sowie Denkprozesse (z. B. Erwartung, Pläne) und Erinnerungen (z. B. an alte Bekannte) beeinflussen die Motivation.

TOLMAN
Nicht nur die Triebstärke, sondern vor allem die Erwartungen bestimmen das Verhalten.

HECKHAUSEN
Nimmt die Angst vor Misserfolg zu, nimmt die Hoffnung auf Erfolg gleichzeitig ab und umgekehrt.

Abb. Heinz Hartmann, 2000 nach HECKHAUSEN

WEINER
Die stärkste Antriebsfeder ist die Informationssuche. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die kognitive Attribuierung, die Ursachenzuschreibung für Erfolg oder Misserfolg.

Dabei ergründete er drei Hauptdimensionen der Kausalität:

  • Ort (außen oder innen)
  • Stabilität (stabil oder instabil)
  • Beherrschbarkeit (graduelle Unterschiede)

Überlegung: Ich bin bei einer Prüfung durchgefallen. Wo liegt der Fehler? Der Lehrer hat etwas gegen mich (Ursache außen). Ist das immer so? Ja, schon von Anfang an (stabil). Wodurch wäre eine Änderung zu erwarten (liegt nicht in meiner Macht, kaum beherrschbar)?

 

5.1.3.3 Bedürfnishierarchie nach MASLOW

 


Abb. Heinz Hartmann, 2000

Nach diesem Modell sind also die physischen Bedürfnisse die primären. Das jeweils niedrigere Bedürfnis muss nicht vollständig befriedigt sein, bevor das nächsthöhere auftritt. Die relative Bedeutsamkeit der Bedürfnisgruppen verändert sich eher in Wellenform.

Es besteht auch die Möglichkeit, dass nächsthöhere Bedürfnisse niemals auftauchen, z. B. bei Menschen, die chronisch Hunger leiden. Nur das Individuum, das von der Herrschaft der Mangelmotive (die unteren 4 Gruppen in der Pyramide) befreit ist, erlebt die sogenannten Wachstumsmotive (alle, die zur Selbstverwirklichung beitragen).

Pathologische Formen entstehen, wenn Bedürfnisse auf jeglichem Niveau frustriert werden.

 

5.1.4 Motivkonflikte
LEWIN (1890-1947): 3 Arten
  • Appetenz-Appetenzkonflikt
    Wenn zwei oder mehr Bedürfnisse auftreten, aber eines nicht erfüllt werden kann, z. B. zwei attraktive Reiseziele, Jobs, Personen.
  • Aversions-Aversionskonflikt
    Wir lehnen zwei oder mehr Ziele gleichzeitig ab, müssen aber eines wählen, z. B. Zahnweh - Zahnarzt, lernen - durchfallen.
  • Appetenz-Aversionskonflikt
    Wenn eine Sache anziehend und abstoßend zugleich erscheint, z. B. erstes Rendezvous: zwiespältige, ambivalente Gefühle (Lust, Vorfreude, Angst, Unbehagen...) oder ein gefährliches Abenteuer.

 

Übung: Finden Sie zu jeder Art 2 Beispiele aus eigener Erfahrung.

 

5.1.5 Frustration

Gefühl der Enttäuschung, wenn ein Bedürfnis nicht oder nicht schnell genug befriedigt werden kann oder bestimmte Ziele nicht erreicht wurden --> Selbstwertgefühl verletzt --> Resignation oder Aggression oder

Abwehrmechanismen:

Verdrängung: Zentraler Abwehrmechanismus. Aus Angst vor unangenehmen Folgen (Konflikte, Frustration) werden Triebimpulse verdrängt, abgewehrt.
Kompensation: Schwächen und Fehler in irgendeinem Bereich (Minderwertigkeitsgefühle!) versucht man in einem anderen Bereich durch herausragende Leistungen zu kompensieren, auszugleichen.
Rationalisierung: Auch Saure-Trauben-Reaktion genannt. Ein Ziel, das nicht erreicht wurde wird nachträglich als nicht besonders attraktiv dargestellt, für das es sich sowieso nicht lohnte, zu kämpfen.
Projektion: Verbotenes oder nicht mehr zu befriedigendes Motiv wird fälschlicherweise einer oder mehreren anderen Personen oder der Umgebung zugeschrieben. Nicht Ich, sondern etwas anderes ist für die Situation verantwortlich (und muss dafür bestraft werden).
Regression: Rückkehr der Person in frühere Entwicklungsphasen, um Über-Ich Ansprüchen zu entgehen. Z. B. Bettnässen, Infantilismen
Sublimierung: sozial weniger anerkannte Motivbefriedigungen werden durch sozial anerkanntere ersetzt: Libidinöse Impulse werden in künstlerische umgewandelt.
Ersatzhandlung: Körperpflege oder Arbeit statt Sex.
Verschiebung: Verschieben von Affekten von einer Person zur anderen. Ein Mann hat Ärger im Büro, meckert zu Hause über das Essen; seine Frau ist "sauer" und beschimpft die Kinder. Diese ärgern den Papagei ...
Konversion: Konflikthafte Vorstellungen werden somatisiert --> Magengeschwür, Lähmung.

Die Abwehrmechanismen des ICH wurden von Anna FREUD genau untersucht.
Zum besseren Verständnis der Abwehrmechanismen ist die Kenntnis des Instanzenmodells von Sigmund FREUD (psychoanalytisches Persönlichkeitsmodell: ES – ICH – ÜBER-ICH) von Vorteil.

 

5.1.6 Das Wollen, der Wille

--> Willensfreiheit (philosophisches Problem)

Besonders in Konflikt- und anderen Entscheidungssituationen kommt es zu Willenserlebnissen.

Diese gelten heute als Teilphänomen der Motivation und laufen immer bewusst ab. Es gibt kein unbewusstes Wollen. Wollen heißt, sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden. Dies führt nicht immer zur Durchführung des Gewollten (Handlung, Tat).

Bei manchen Menschen gibt es auch das Problem der Entscheidungsschwäche. Dies äußert sich dann so, dass sie sich in vielen Phasen ihres Lebens sehr unsicher sind bzw. ihre Entscheidungen immer wieder vor sich her schieben.

Durchführungsschwäche: Manche Menschen entscheiden sich zwar schnell, setzen ihre Entscheidung aber nie oder zu spät um. Die Kluft zwischen Entscheidung und Umsetzung der Entscheidung kann verkleinert werden, z. B. durch Setzen kleinerer Ziele und damit verknüpften Erfolgserlebnissen.

Wie kommt es zur Entscheidung?
Man unterscheidet folgende Phasen des Willensprozesses:


 

5.1.7 Leistungsmotivation

Leistungen werden in unterschiedlichsten Bereichen erbracht:

psychomotorische
emotionale
kognitive
soziale Leistungsfähigkeit bzw. Kompetenz

Die Leistungsbereitschaft oder Leistungsmotivation hängt sowohl vom eigenen Können als auch von den Anforderungen der Umgebung und der subjektiven Erwartung ab. Hinzu tritt eine Risikoberechnung, die dann auch die Gefühle verändert. Siehe auch Kognitive Motivationstheorie.

 

5.2 Emotion (Befindlichkeit)

5.2.1 Was sind Emotionen?

Emotionen sind Gefühle, Affekte und Stimmungen.

Stimmungen sind länger anhaltende Gefühlstönungen (traurig, zufrieden, heiter, fröhlich, depressiv...)

Affekte sind sehr intensive Gefühle (Angst, Wut, Ekstase...) mit starker körperlicher Erregung und geringer Beteiligung des Cortex.

Gefühle sind ständige Begleiter unseres Erlebens: Wir lieben/hassen, haben Angst, sind traurig oder fröhlich, fühlen uns frei, bewundern jemanden, finden etwas interessant oder langweilig...

 
5.2.2 Die Funktion der Emotionen

Ausdruck: sprachliche und körperliche Ausdrucksformen im Dienste des sozialen Zusammenlebens.

Motivation: Emotionen bereiten Handlungen vor (fließender Übergang zwischen Emotion und Motivation: z. B. Angst, Lust).

Bewertung der Umwelt und der eigenen Situation: unmittelbar, hautnah und sehr persönlich. Fühlen heißt involviert sein!

Selbstregulation: Geht es mir gut oder schlecht? Habe ich Hunger? Halte ich das aus?

 

5.2.3 Die Entwicklung der Emotionen

"Aus der undifferenzierten Erregung der ersten Lebenstage entwickeln sich die Emotionen Lust und Unlust, die als Ursprung aller folgenden Differenzierungen angesehen werden. Diese Ergebnisse wurden durch Beobachtung und Beschreibung des Ausdrucksverhaltens gewonnen." (KNAURs moderne Psychologie)

Auf der "Unlustseite" entwickeln sich etwa ab dem 5. Lebensmonat Ärger, Abscheu und Furcht. Ab dem 14. Lebensmonat Eifersucht.

Auf der "Lustseite" sind ab etwa dem 10. Lebensmonat Fröhlichkeit und Liebe zu beobachten. Ab dem 18. Lebensmonat Freude.

 

5.2.4 Wie entstehen Emotionen?
  • Theorie von SINGER und SCHACHTER:


Abb. Heinz Hartmann, 2001


Nach SINGER und SCHACHTER ist ein subjektiv erlebtes Gefühl immer ein Ergebnis aus 3 Faktorengruppen.

  • Theorie von LAZARUS:

Emotionen sind immer Resultate einer kognitiven Bewertung von sozialen Situationen. Dabei gibt es zwei Bewertungsprozesse:

  • Situation gefährlich/bedrohlich?
  • Möglichkeiten zur Bewältigung werden überlegt: Kampf, Flucht, wohlwollende Neubewertung...

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