3 GEDÄCHTNIS UND LERNEN
Modelle Gedächtnishemmungen Merktechniken Lerntheorien Lerntipps
3.1 Begriffsbeschreibung
GEDÄCHTNIS = Hirnfunktion zum Speichern und Abrufen von Informationen
LERNEN = Aneignen von Wissen, Können bzw. Fertigkeiten und Fähigkeiten durch
Beobachtung, Einsicht, Erfahrung und Übung.
Man unterscheidet:
| Lerntätigkeiten, -vorgänge, -prozesse | |
| Lernziele | |
| Lernbereiche: |
- sensumotorischer Bereich: Gehen, Auge-Hand-Koordination, Radfahren, Töpfern...
- emotional-affektive Ebene: Umgang mit Gefühlen, Willensbildung, Bewertung
- kognitive Ebene: Wissen/Stoff, Denkschulung (Logik)
- sozialer Bereich: Umgang, Kommunikation, Rollen, Rituale
Lernen ist ein entscheidender Faktor bei der individuellen und kollektiven Identitätsbildung!
3.1.1 Das Gedächtnis im Modell
| Speichername | Dauer | Kapazität | Anfälligkeit |
| UKZG | 4-20 sec | 100-160 bits | hoch |
| KZG | bis einige Tage | 7 +/- 2 "chunks" | hoch |
| LZG | bis LEBENSLANG | ca. 10 hoch 8, auf Dauer bis zu 10 hoch 16 bits | gering |
1 bit = Infogehalt einer Alternativentscheidung (ein aus, ja -
nein...)
chunks = Infobündel
Zur Zeit existiert ein Modell
des Gedächtnisses, das vier Gedächtnissysteme voneinander
unterscheidet. Ein System wird als episodisches Gedächtnis
bezeichnet, in dem u.a. autobiografische Ereignisse und nach Ort und Zeit
bestimmte Fakten abgelegt sind. Ein zweites wird als Wissenssystem
beschrieben, in dem u.a. Kenntnisse über die Welt, über generelle
Zusammenhänge und Schulwissen abgespeichert ist. Zwei weitere Speichersysteme
sind das prozedurale Gedächtnis, in dem mechanische und motorische
Fertigkeiten und Handlungsabläufe abgespeichert sind und das so genannte
Priming, in dem früher wahrgenommene Reizmuster oder ähnlich
erlebte Situationen eingelagert sind. Zusätzlich zu diesen vier Systemen
scheint es eine Gedächtnisstruktur zu geben, in der beispielsweise
Schockerlebnisse sehr fest abgespeichert werden. Diese Gedächtnisstruktur
ist willentlich nur schwer zu beeinflussen.
Diese Gedächtnissysteme sollten aber nicht als voneinander getrennt
funktionierend betrachtet werden. Gerade für den Bereich der Vernehmung
von Zeugen z. B. (forensische Psychologie) ist es wichtig zu erkennen,
dass die Gedächtnissysteme zusammen wirken und einander ergänzen
und beeinflussen.
3.1.2 Gedächtnisträger
Beim Lernen falten sich die DNS-Doppelspiralen an verschiedenen Stellen
auseinander und dienen als Matrize, an der sich RNS-Abdrucke bilden. Diese
Abdrucke (Engramme) lösen sich dann wieder von der Matrize, es bilden
sich Proteinketten, die in der Zellmembran abgelagert werden.
Merke: Informationen verändern die materielle Hirnstruktur
beim Speichern und Abrufen.
Bei den sogenannten KANNIBALISMUSVERSUCHEN (1965 Mac CONNEL, Plattwürmer
und 1971 UNGAR, Ratten, Hamster und Goldfische) wurde Wissen auf biochemischem
Wege übertragen (operativer Transfer von Gehirnzellen und damit
Wissen).
Überlegung: Erklären diese Versuche auch die genetische Weitergabe von Gedächtnisinhalten?
3.2 Beeinflussung der Gedächtnisleistung
Versuchen Sie, sich folgende 4 Reihen nacheinander einzuprägen:a) 1 7 0 2 5 5 2 1 0 7 5 6 0 8 0 4 7 8
b) Hose, Jacke, Hemd, Mahlzeit, Hütte, Jause, Berg, Schnee, Winter, Lift, Wald, Kälte, Anstrengung, Erschöpfung, Freude
c) ünk, bik, tok, nef, zop, mar, lir, vnu, ömx, fda, tyx, rew, plä, uib
d) Zweibein sitzt auf Dreibein und isst Einbein. Da kommt Vierbein und nimmt Zweibein Einbein. Zweibein nimmt Dreibein und schlägt Vierbein. |
Haben Sie es geschafft? Wie lange haben Sie wofür gebraucht? Warum?
3.2.1 Gedächtnishemmungen (-interferenz)
- Assoziative Hemmung: Gelernte Verbindung A-B hemmt neue Verbindung A oder B mit C.
- Retroaktive Hemmung: Folgt auf A - B, so wird A beeinträchtigt.
- Proaktive Hemmung: Folgt auf A - B, so wird B beeinträchtigt.
- Ekphorische Hemmung: Neuer Stoff vor Reproduktion hemmt diese.
- Affektive Hemmung: Starke emotionale Erregung hemmt Reproduktion.
3.2.2 Üben und Vergessen
"Übung macht den Meister" gilt besonders für Lern- und Gedächtnisleistungen.
Abb. aus: no.wikipedia.org
Gesetz von EBBINGHAUS, 1895:
| Bei geringem Anwachsen des Lernstoffs nimmt die aufgewendete Lernzeit stark zu. |
Es können allerdings nicht alle Inhalte behalten bzw. abgerufen
werden. Es kommt zum Vergessen durch
fehlende Übung/Wiederholung:
Spätere Untersuchungen zeigen eine Abhängigkeit der Behaltensleistung
auch von der Art des Lernstoffs:

Abb. Folie von Heinz Hartmann, 2000
Löschung (Extinktion): Bewusstes Abgewöhnen von Verhalten
mit verschiedenen Methoden, siehe auch Lerntheorien
Interferenz/Hemmung: siehe Gedächtnishemmungen
Modifikation der behaltenen Inhalte: Dies geschieht durch schöpferische
Rekonstruktion (Emotion und Motivation!) oder Verdrängung (FREUD)
organische oder psychogene Störungen: Verletzung, Demenz
3.2.3 Merktechniken
Merktechniken dienen der Verbesserung der Gedächtnisleistung.
Ein kleiner Ausschnitt der vielen Möglichkeiten als MindMap:

Abb. © Heinz Hartmann, 2001
3.2.4 Transfer
Übertragung des Gelernten auf andere, neue Situationen:
positiver Transfer: gleiche Reaktion bei ähnlichen Reizen,
z. B.: manger, mangiare = essen
negativer Transfer: neue Reaktion bei ähnlichen Reizen, z.
B.: supply = liefern, versorgen; supplier = bitten, flehen
3.2.5 Andere Einflüsse
Wille, Interessen, Werthaltungen, Gefühle, Aufmerksamkeit, Erwartungen,
3.3 Lerntheorien
3.3.1. Die Klassische Konditionierung
Man lernt auf bestimmte Signale zu reagieren, wie auf einen angeborenen
Schlüsselreiz.
Berühmt wurde der PAWLOW`sche Hundeversuch:

| 1)Nahrung (Futter) UCS (unconditoned stimulus)angeboren |
Speichelfluss UCR (unconditioned reaction) |
| 2)Glocke NS (neutral stimulus) |
keine Reaktion |
| 3)Glocke + Nahrung mehrmalige Wiederholung |
Speichelfluss |
| 4)Glocke allein CS (conditioned stimulus) |
Speichelfluss CR (conditioned reaction, gelernt) |
Die gelernte Reaktion wird auf ähnliche Signale übertragen.
Diesen Vorgang nennt man Generalisierung.
Dies beweist der Versuch von WATSON (1878-1958) mit dem kleinen Albert:
Die ursprüngliche Zuneigung des kleinen Albert zu Pelztieren wurde
umkonditioniert (Spiel mit weißer Ratte wurde mit einem lauten Gongschlag
verknüpft) in eine Angstreaktion. Diese Angst wurde auf alle pelzartigen
Objekte generalisiert.
Die gelernte S - R - Verknüpfung kann auch wieder gelöscht werden.
Den Löschungsvorgang nennt man Extinktion.
| Manche Alarmreaktionen bleiben jahrelang erhalten bzw. sind schwer zu löschen. Dies zeigen Untersuchungen an amerikanischen Kriegsveteranen, die 15 Jahre nach dem 2. Weltkrieg signifikant stärker reagierten als Veteranen, die solche Signale nicht gelernt hatten. |
3.3.2. Die Instrumentelle Konditionierung
Effektgesetz von THORNDIKE:
| Die Konsequenzen, die auf ein Verhalten folgen, bestimmen, ob dieses öfter oder seltener auftritt. |

Abb. übernommen von Ansgar Plassmann, www.lern-psychologie.de
Versuche mit Katzen im sogenannten Problemkäfig: Katzen finden Hebel zur Freiheit oder zum Futter zuerst zufällig, später benötigen sie immer weniger Zeit, den richtigen Hebel zu drücken.
Lernen erfolgt durch Versuch und Irrtum: Durch Herumprobieren
werden Fehlversuche seltener, erfolgreiches Verhalten tritt häufiger
und schneller auf. Wird auch Lernen am Erfolg genannt.
3.3.3. Die Operante Konditionierung
Abb. aus: freudianslip.co.uk
SKINNER (1904 1983), unterscheidet folgende Begriffe:
respondents: reaktives Verhalten (S --> R, Reiz-Reaktionsverknüpfung).
operants: spontanes, emittierendes Verhalten oder Verhalten, dessen
Auslöser nicht beobachtbar ist.
Verstärker: bekräftigende Folgen auf ein operantes Verhalten.
Diese sind von unterschiedlichster Art: biologisch, materiell, sozial...
Positive Verstärker: Erwünschtes Verhalten tritt häufiger auf, weil es angenehme Folgen (Lob, Lohn, Prestige) hat.
Negative Verstärker: Erwünschtes
Verhalten tritt häufiger auf, weil unangenehme Folgen abgebaut oder weggenommen werden, z.B. Aufheben eines Fernsehverbotes.
Bestrafung: Unerwünschtes Verhalten
wird seltener, weil es unangenehme Folgen (Schmerz, Tadel, Verachtung) oder das Ausbleiben von angenehmen Folgen (z.B. Liebesentzug) zur Folge hat. Nachteil: erwünschtes Verhalten oft nicht
ganz klar.
Shaping (Verhaltensformung): Sukzessive Annäherung an ein
erwünschtes Verhalten mittels Verstärkungskonzept. Durch Shaping
schaffte es SKINNER, Tauben das Pingpong beizubringen.

| SKINNER: Jedes Verhalten ist gelernt! Lernen ist nicht nur eine Reaktion auf vorangegangene Reize, sondern häufig eine Reaktion auf die Konsequenzen vergangener Reiz-Reaktionsverknüpfungen. |
3.3.4 Kognitives Lernen
Abb. aus: marxists.org
PIAGET
(1896 1980), CH
Während beim Konditionierungslernen die inneren, nicht direkt beobachtbaren
Vorgänge ausgeklammert werden, sind gerade die kognitiven Prozesse
(selektieren, wahrnehmen, überlegen, einsehen, planen, erwarten,
antizipieren) für PIAGET u. a. Vertreter der kognitiven Lerntheorie
von entscheidender Bedeutung:
|
Der Mensch lernt mittels Kognition, die je nach Alter von höchst unterschiedlicher Art ist. Kognitives Lernen bedeutet nicht passive Reizaufnahme, sondern aktive Anpassung, ADAPTION. Dabei gibt es zwei Aspekte:
|
Hauptmotive sind in erster Linie nicht äußere Reize, sondern innere Antriebe (Neugier, Interessen, Werthaltungen, Willenserlebnisse, Erfolgserlebnisse).
Die kognitiven Fähigkeiten entwickeln sich in einer 4-Phasen-Hierarchie
bei allen Menschen ähnlich:
| Alter | Stadium | Merkmale |
| 0-2 | Die sensumotorische Phase | Wahrnehmungen wiederholen, Gegenstände
be-greifen |
| 2-7 | Die präoperationale Phase | Symbole und Sprache spielerisch üben, Werkzeugdenken |
| 7-11 | Die Phase der konkreten Operationen | Logische Operationen (Umkehrbarkeit, Klassifikation, Rangordnung) konkret anschaulich |
| 11-15 | Die Phase der formalen Operationen | Abstraktes Denken, Hypothesen testen, Gedankenexperimente |
Die Entwicklung kann durch Übung beschleunigt werden!
3.3.5 Soziales Lernen
Abb. aus: ship.edu
BANDURA(*1925)
| Soziales Lernen oder Lernen am Modell durch Beobachtung und Nachahmung von Vorbildern. Identifikationsobjekte sind vor allem erfolgreiche Erwachsene (wichtige Rolle der Medien!). |
Beispiele: Experiment zum Lernen von aggressivem Verhalten bei Kindern; Filmheld; Eltern; "Topverdiener" etc.
Gelernt werden auf diese Art hauptsächlich Bewegungsabläufe
(Handwerk, Sport...) und soziales Verhalten (Benehmen, Rollen,
Kommunikationsverhalten ...)
3.4 Praktische Hinweise zur Verbesserung der Lern- und Gedächtnisleistungen
3.4.1 Lernbedingungen optimieren
äußere:

Arbeitssituation: Platz, Hilfsmittel
Einteilung von Zeit und Stoff (PAUSEN!)
Sozialbeziehungen (Team, Partner, alleine)
innere:
Entspannung/Angstabbau
Aufmerksamkeit/Konzentration
Interesse schrittweise aufbauen
3.4.2 Lerntechnik verbessern
- in 7 Einzelinformationen unterteilen (je nach Stoffgebiet mehr oder weniger Kerninformationen heraussuchen)
- Widerspenstigen Stoff: im Laufe einer Stunde drei mal je 5 Minuten wiederholen, getrennt durch Intervalle von 5 dann 10 und schließlich 20 Minuten
- Schachbrettlernen: Zwischen den Lernphasen von 10 - 15 Minuten Beschäftigung mit Kontrastbereichen (Hausübung, ...)
- Nach jedem Lerndurchgang kurze Entspannungsphase
- Widerspenstige Inhalte auf einen Zettel schreiben und als letzte Aktivität vor dem Einschlafen durchgehen
- Vorstellungscomics: bildhafte, humorvolle Illustration der Lerninhalte
- Lernkartei für Vokabeln, Begriffe, Regeln
- Merktechniken beachten
3.4.3 Lernresultate kontrollieren
- Prüfung simulieren
- Lehrer spielen! Vortrag halten
- Lernprotokolle anfertigen
- Lernkarteien verwenden
Alle genannten Empfehlungen sind dann optimal wirksam, wenn deren Sinn verstanden und die praktische Anwendung weitgehend automatisiert wurde.