6 SOZIALPSYCHOLOGIE
Soziale Wahrnehmung Einheiten Gruppendynamik Führungsstile Kommunikation
6.1 Der Gegenstand der Sozialpsychologie
Die Sozialpsychologie beschreibt und erklärt die zwischenmenschlichen Interaktionen und die Ursachen und Wirkungen derselben.
Wie wird das Erleben (Meinung, Gefühl, Absicht) und Verhalten (Reagieren,
Handeln) von Personen durch andere Personen (auch wenn sie nicht anwesend sind) bzw. soziale Normen und Institutionen beeinflusst?
Soziale Wahrnehmung,
gruppendynamische Prozesse, Führungsstile, Kommunikation und Sozialisation sind zentrale
Themen der Sozialpsychologie.
6.2 Die soziale Wahrnehmung
Unter sozialer Wahrnehmung versteht man die Wahrnehmung von Personen.

MAGRITTE
6.2.1 Selektion und Interferenz
Selektion (Auswahl) und Interferenz (Überlagerung) im Wahrnehmungsprozess führen zu Vorurteilen bzw. Stereotypen und Erwartungen. Diese beeinflussen zukünftige Wahrnehmungen.
Diese Einstellungen sind nur sehr schwer zu ändern, denn sie
| befriedigen das Bedürfnis nach Einfachheit, Ordnung und Überschaubarkeit, | |
| schützen oder steigern das Selbstwertgefühl, | |
| geben Sicherheit und soziale Anerkennung, | |
| ermöglichen Aggressionsabbau durch Projektion bzw. Schaffen von Feindbildern. |
EINSTEIN: "Vorurteile sind schwerer zu zertrümmern als Atome."
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass unsere Menschenkenntnis, auf die wir alle so vertrauen, oft auf mehreren Beurteilungsfehlern beruht:
- Halo Effekt: Von einem zentralen Persönlichkeitsmerkmal
"freundlich", wird (fälschlicherweise) auf weitere Eigenschaften,
z. B. glücklich, intelligent, gesellig, warmherzig, usw. geschlossen.
Ähnlich funktioniert der
- Rollen Effekt: Eine etwa an der Berufskleidung erkannte
Rolle wird mit typischen Merkmalen verknüpft, z. B. "Bulle", "Gott in weiß", Beamter...
- Erwartungseffekt: Entsprechend der Erwartung verändert
sich die Wirklichkeit. Auch self-fullfilling-prophecy oder Pygmalion
- Effekt genannt.
->Optimistische Wirtschaftsprognosen bewirken mehr Investitionen, dies führt zu einem größeren Wirtschaftswachstum und zu einer geringeren Arbeitslosigkeit.
->Vor den Wahlen wird für eine Partei laut Umfragen eine absolute Mehrheit vorausgesagt. Die Unentschlossenen entscheiden sich (vielleicht, weil man lieber zu den Siegern gehört) für diese Partei. Die Folge davon ist, dass tatsächlich eine absolute Mehrheit erreicht wird.
->Ein Lehrer kennt seinen neuen Schüler aus der Nachbarschaft als unangenehmen Zeitgenossen. Diese Erwartungshaltung bestimmt den Umgang mit ihm und führt zur entsprechend negativen Atmosphäre in der Klasse. - Zirkuläre Kausalität: Damit meint WATZLAWICK eine
eigenartige Verkehrung von Ursache und Wirkung auf Grund falscher Schuldzuweisungen...
Die Geschichte vom zankenden Ehepaar:
Die Ehefrau beklagt sich, dass der Mann sich von ihr zurückziehe, was jener zugibt, doch nur, weil das Verlassen des Zimmers für ihn die einzige Möglichkeit ist, sich ihrer ständigen Nörgelei zu entziehen.
Für sie ist diese Begründung eine vollkommene Verdrehung der Tatsachen: Sein Verhalten sei der Grund für ihre Kritik.
6.2.2 Selbst- und Fremdbild
Die Selbstwahrnehmung und -bewertung eines Menschen bestimmt deutlich
sein Verhalten. Die Veränderung dieses Prozesses beschreiben Joe
LUFT und Harry INGHAM im sogenannten "JOHARI-Fenster":
| A:
mir selbst und anderen bekannt, |
B:
mir unbewusst, |
| C:
Intimsphäre, |
D:
Unbewusstes, |
Die Anteile A, B, C und D verändern sich in jeder sozialen Situation!
Übung: Erstellen Sie ein JOHARI-Fenster einer Krankenschwester, eines Soldaten, einer Lehrerin und eines Politikers.
6.3 Sozialpsychologische Einheiten
6.3.1 Die Menge
ist nicht organisiert; eine große Anzahl von Individuen,
die weder emotional noch intellektuell verbunden sind; zur gleichen
Zeit am gleichen Ort.
6.3.2 Die Masse
eine aktivierte Menge mit typischen Merkmalen:
| Intellekt tritt zurück | |
| Individuen durch Anonymität emotional enthemmt | |
| "gleichgeschaltet": konform ist anständig, anders sein ist unanständig | |
| hoch suggestibel (leicht zu beeinflussen) | |
| niedrige Organisation (Exponent, Führerprinzip) |
6.3.3 Die Gruppe
ist ein organisiertes soziales Gebilde von interagierenden Individuen. Ideale Gruppengröße: 6 12 Personen
Primärgruppe
direkter häufiger Kontakt (face to face)
relativ klein
unmittelbare Beziehungen
z.B.: Familie, enger Freundeskreis, Clique
Sekundärgruppe
weniger Kontakte
mehr Mitglieder
mittelbare Beziehungen
z.B.: Beruf, Verein/Verband, Staat
Soziometrie: Methode zur systematischen Erfassung von Gruppenstrukturen bzw. Gruppenprozessen -->Soziogramm:
Abb. Heinz Hartmann, 2000
Durch Beobachten und Aufzeichnen der Zuwendungen und Abneigungen der einzelnen Personen (A, B, C, ...) untereinander lassen sich die Grupenstruktur sowie die gruppendynamischen Prozesse relativ einfach darstellen und analysieren.
6.4. Gruppendynamik
In allen Gruppen spielen sich vielfältige, dynamische Prozesse ab:
6.4.1 Der Einfluss der Gruppe auf das Individuum
Der Versuch von SHERIF (1935) mit Hilfe des autokinetischen Phänomens
ergab deutlich, dass der Einzelne in seinen Wahrnehmungen und Urteilen,
sich einer Gruppennorm annähert.
Die Gruppenmitglieder mussten - zuerst einzeln - die Abweichung des
Lichtpunkts vom Ausgangspunkt schätzen. Anschließend wurde
in Gruppen geschätzt. Zum Schluss wieder einzeln.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Lagen die Schätzungen nach Phase
1 noch weit auseinander, so näherten sie sich in Phase 2 und 3 immer
mehr an einen Mittelwert an.
Ein Versuch von Solomon ASCH (ca. 1950) mit Hölzchen zeigte,
wie stark der Majoritätsdruck wirkt, obwohl (oder gerade weil)
er als sehr unangenehm empfunden wird:
Studentengruppen mit 7 bis 9 Mitgliedern sollten angeben, welche der
drei Vergleichslinien dieselbe Länge wie die Standardlinie hat.
Die Linien waren entsprechend unterschiedlich, so dass unter normalen
Umständen falsche Angaben von weniger als 1% der Versuchspersonen
gemacht werden. Bis auf eines waren alle Mitglieder jeder Gruppe vorher
angewiesen worden, falsche Angaben bei 12 von 18 Versuchen zu machen.
Unter diesem Gruppendruck akzeptierten die Studenten der Minderheit durchschnittlich
in 37% der Versuche falsche Urteile der Mehrheit.
Von den 123 untersuchten Versuchspersonen in der Minderheit gaben 30%
fast immer nach, auch bei Abweichungen bis zu 30 cm, während ein
Viertel unabhängig im Urteil blieb.
Die höchste Fehlerquote trat auf, wenn die Versuchspersonen allein gegen die Mehrheit ihr Urteil abgeben musste. Wenn ein gleichgesinnter Partner dabei war, ließen sie sich nicht so schnell von ihrer Meinung abbringen.
| Aus den Interviews mit den Versuchspersonen nach dem Experiment ging hervor, dass viele von denen, die sich der Meinung der Mehrheit nicht anschlossen, großes Vertrauen in ihre eigenen Urteilsfähigkeiten hatten. Von den Versuchspersonen, die sich der Mehrheitsmeinung anschlossen, hatten einige sofort den Eindruck, ihre Wahrnehmung müsse falsch sein, vielleicht aufgrund irgendeiner eigenen Unzulänglichkeit. Alle beeinflussten Versuchspersonen unterschätzten die Häufigkeit ihrer konformen Reaktionen. |
6.4.2 Rangordnung
Rangordnungsphänomene kann man besonders gut im Tierreich beobachten: Positionskämpfe, "Hackordnung" bei Hühnern.
Beim Menschen weniger stark ausgeprägt, jedenfalls nicht so starr!
Überlegung: Hierarchische Ordnung in verschiedenen Bereichen (Militär, Gesundheitswesen, Bildungsinstitutionen,...). Sind diese sinnvoll bzw. notwendig?
6.4.3 Attraktion

Welche Menschen mögen wir?
+ körperliche Schönheit (Instinkte!)
+ Kompetenz und Erfolg machen attraktiv.
+ Ähnlichkeit (Menschen, die das mögen, was wir mögen!)
Warum mögen wir bestimmte Leute?
+ Liebe, Bindungsbedürfnis, Hilfsbereitschaft, Einfühlung
+ Kosten/Nutzen Erwägungen
+ Gegenseitigkeit (er/sie mag mich --> stärkt Selbstbewusstsein
--> ich mag sie/ihn)
6.4.4 Aggression
Man unterscheidet zwischen Aggressivität (subjektives Erleben) und objektiv beobachtbarer Aggression.
Zu den Aggressionen gehören alle Verhaltensweisen, die zur physischen oder psychischen Schädigung von Personen (Angriff, Abwehr, Drohungen, Selbstaggressionen) dienen. Dabei geht es immer darum, eigene Ziele durchzusetzen.
Zur Entstehung von Aggressionen gibt es zwei grundlegende Erklärungsmuster:
- Aggressivität ist angeboren:
FREUD: angeborener Todestrieb (Destruktionstrieb) als Gegenspieler zum Lebenstrieb.
LORENZ (1903-1989): Dampfkesselmodell: Ein angeborenes Aggressionspotential
wird durch Umwelteinflüsse aufgestockt. Werden keine oder zu wenige
Ventile geöffnet, um Dampf abzulassen, kommt es irgendwann zum völlig
unkontrollierten Ausbruch der aufgestauten Aggression.
EIBL-EIBESFELDT: Aggressivität ist evolutionistische Notwendigkeit: Selektion, Territorium abgrenzen und sichern, Rangordnung. Alles zum Schutz der Nachkommen und des eigenen Lebens bzw. zur Abwendung von Gefahr.
DOLLARD/MILLER u.a. entwickelten die Frustrations- Aggressionstheorie: Aggression ist immer eine Folge von Frustration. Sie sind allerdings auch der Meinung, dass die Aggressivität angeboren ist.
- Aggressionen sind gelernt:
BANDURA entwarf die Soziale Lerntheorie: Aggressionen werden beobachtet und nachgeahmt, also am Modell gelernt. Besonders echte, erfolgreiche, erwachsene Vorbilder werden nachgeahmt. Wichtige Rolle der Medien!
6.4.5 Möglichkeiten zur Verminderung von Aggression:

Verminderung der situativen Anreger:
Stress abbauen (minus 10 %!).
Zu erwartenden Frustrationserlebnissen ausweichen.
Änderung auf der Bewertungsebene
Misserfolge, Provokationen nicht so schwer nehmen.
Schuldzuschreibungen kritisch prüfen.
Einstellungen zu Macht, Besitz und Wettkampf hinterfragen.
Positives Denken, wohlwollende Neubewertung.
Erlernen von alternativem Verhalten:
Mitteilen von Gefühlen und Wünschen.
Problemlösungstechniken lernen und üben, z. B.: Gesprächsführung, Mediation,
gewaltloser Widerstand.
Förderung von Aggressionshemmungen:
Negative Verstärkung, Bestrafung.
Pädagogisch-moralische Einsicht, z.B. durch Gespräch unter vier Augen.
| Die Katharsishypothese, wonach ein Ausleben
der aggressiven Neigungen zur Klärung bzw. Beseitigung der Spannungen
bzw. Konflikte führe, scheint heute sehr zweifelhaft zu
sein. Neuere Untersuchungen bestätigen die Soziale Lerntheorie:
Jede Aggression erzeugt mit Notwendigkeit weitere Aggressionen. Es
entstehen sogenannte Aggressionsketten. Die regelmäßige Beobachtung von Gewalt (multimedial massiv unterstützt!) erhöht die psychische Abstumpfung und damit die Gewaltbereitschaft (Einstellung!) und die Toleranz gegenüber manifester Aggression. |
6.5 Führungsstile
In jedem sozialen Verband gibt es Führungspositionen. Jene
Leute, die mit solchen Positionen ausgestattet sind (vgl. Rangordnung)
verwenden verschiedene Führungsstile:
6.5.1 Autoritärer Stil
Alle Aktivitäten gehen vom Gruppenleiter aus. Zuerst günstiger Arbeitserfolg, mit zunehmender Abhängigkeit der einzelnen Mitglieder vom Gruppenleiter Leistungsabfall, Misstrauen, Furcht.
| Welch fatale Folgen die Aufgabe der
eigenen Verantwortlichkeit und Individualität zeitigt, zeigt
das Experiment von S. MILGRAM: MILGRAM wies Versuchspersonen die Rolle eines "Lehrers" zu, der einen "Schüler" (in Wahrheit ein Vertrauter des Versuchsleiters) beim Auswendiglernen eines Textes überwachen und für allfällige Fehler ohne Nachsicht bestrafen sollte. Der "Lehrer" konnte mit einem Hebel Spannungen von 15 Volt ("leichter Schock") bis 450 Volt ("lebensgefährlicher Schock") einstellen und damit nach Gutdünken Strafen austeilen, um die Lernergebnisse zu verbessern. Er wusste nicht, dass die Schocks und ihre Wirkungen auf die Schüler nur vorgetäuscht waren. Die Ergebnisse: Fast alle "Lehrer" gingen bis zum Maximalschock, wenn sie die Schmerzreaktionen des "Opfers" im Nebenraum nicht hören konnten. Noch zwei Drittel der "Lehrer" vergaben die Maximalschocks, wenn sie verzweifeltes Hämmern an der Wand wahrnahmen und ab 315 Volt kein Laut mehr zu hören war. Nicht weniger als ein Drittel der "Lehrer" blieb auch dann noch unnachsichtig im Erteilen der "Strafe," wenn sie unmittelbar neben sich, also ohne durch eine Wand getrennt zu sein, beobachten konnten, dass sie einen Menschen offensichtlich zu Tode quälten. Dabei handelten diese Versuchspersonen ihrer Selbsteinschätzung nach nicht einfach "grausam" oder brutal." Sie empfanden keineswegs sadistische Lust, sondern erlebten Hemmungen, kamen dem "Auftrag" nur mit Widerwillen nach und waren froh, als alles vorbei war. Das Beängstigende an dem Experiment war, dass sich nur ganz wenige der Versuchspersonen dem Auftrag zu entziehen suchten oder offen ihre Zustimmung verweigerten. Die Autoritätshörigkeit war stärker. |
6.5.2 Laissez faire
Die Gruppe hat alle Freiheiten, es gibt keine Vorgaben. Jeder kann tun
und lassen, was ihm gerade einfällt.
Diese Situation führt in Kürze zu äußerstem Unbehagen,
Langeweile bzw. Aggressionen.
Es besteht offenbar ein starkes Bedürfnis nach Ordnung bzw. Regelung von sozialen Strukturen.
6.5.3 Demokratischer Stil
Der Gruppenleiter lenkt die Gruppe mit Augenmaß. Er registriert und koordiniert die aktuellen Interessen der Mitglieder und verteilt verschiedene kreative Aufgaben. Die Rahmen- und Arbeitsbedingungen und ziele werden gemeinsam diskutiert und festgelegt.
Dieser Stil fördert die Selbständigkeit und die Solidarität
untereinander. Die Gruppenmitglieder sind motiviert und zeigen mehr Einsatz,
was die Arbeitsergebnisse nachhaltig verbessert.
6.6 Kommunikation und Interaktion
6.6.1 MindMap zur Kommunikation

Abb.: MindMap aus MindManager 3.0 von Michael Jetter, leicht modifiziert von Heinz Hartmann
6.6.2 Axiome von WATZLAWICK (1921-2007)
- Die Unmöglichkeit nicht zu kommunizieren: Jedes Verhalten hat Mitteilungscharakter. Deshalb ist es in einer sozialen Situation nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Auch wenn wir nicht sprechen, senden und empfangen wir Signale, welche die Kommunikation und damit die Wirklichkeit beeinflussen.
- Informationen haben einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt: Der Inhaltsaspekt wird im Normalfall verbal übermittelt, der Beziehungsaspekt nonverbal.
- Selbstdefinition will bestätigt sein: Alle Menschen versuchen im kommunikativen Prozess ihr Selbstbild zu unterstreichen.
6.6.3 Nachrichtenquadrat von Schulz von Thun (1944)
Der Mann (Sender) sagt zu seiner am Steuer sitzenden Frau (Empfänger): "Du, da vorne ist grün!"
| Sachinhalt Die Ampel ist grün | ||
| Selbstoffenbarung Ich habe es eilig | Du, da vorne ist grün! | Appell Gib Gas! |
| Beziehung Du brauchst meine Hilfe |
Das Nachrichtenquadrat erweitert die Axiome von WATZLAWICK.