2 Wahrnehmung
Reizschwellen Raum Zeit Bewegung Gestalt Intrapersonales Täuschungen
Wahrnehmung = Reizaufnahme und -verarbeitung
Wahrnehmung = Empfindung plus Erfahrung
| Bei der Wahrnehmung von Außenreizen kommt es in einem ersten Schritt zur Aufnahme eines Reizes durch die Rezeptoren der Sinnesorgane. Diese Empfindung wird über das Nervensystem ins Gehirn geleitet und dort verarbeitet. Unter dem inneren Einfluss von Gedächtnisinhalten (Erfahrung) Stimmungen, Gefühlen (Emotion) und Überlegungen, Erwartungen bzw. Einstellungen (Kognition), entsteht dann im Gehirn ein aktiv konstruiertes Bild der Welt. |
Die menschliche Wahrnehmung funktioniert nicht wie die Optik einer
Kamera.
Sie ist durch die Sinnesorgane beschränkt. Durch die Manipulation
der Informationen im Gehirn wird der Objektivitätsanspruch menschlicher
Wahrnehmung weiter in Frage gestellt.
Der Wahrnehmende hat das Ziel, Informationen zu gewinnen und sich in seiner
Umwelt möglichst erfolgreich zu verhalten. Um von der Vielzahl
der auf uns einstürzenden Informationen nicht überfordert zu
werden, greift das Gehirn zum Mittel der Selektion bzw. Filterung.
Wahrnehmung ist ein Organisationsprozess, ein Konstruktionsvorgang.
2.1 Reizschwellen
Viele verschiedenartige Reize treffen auf unsere Rezeptoren. Trotzdem nehmen wir nur einen kleinen Ausschnitt der gesamten äußeren Wirklichkeit mit unseren Sinnen wahr.
Qualitätsschwelle (absolute Schwelle)
Jeder Reiz muss eine bestimmte Qualität haben, um vom Menschen wahrgenommen werden zu können:
Auge: 380 nm - 760 nm
Lichtwellen: ca. 300.000 km/sek
Ohr: 16 Hz - 20000 Hz
Schallwellen in der Luft: ca. 333 m/sek, im Wasser ca. 1500 m/sek
![]() |
Die Hörschwellen verschiedener Lebewesen |
Das Gesetz von Johannes MÜLLER, 1826:
| Die Art der Sinnesempfindung ist nicht primär reiz- sondern organabhängig. |
Beispiel: Schlag auf den Hinterkopf -> Sternchen.
Intensitätsschwelle
Ein Reiz muss auch eine bestimmte Internsität/Stärke aufweisen, damit wir ihn wahrnehmen können.
Beispiel: Ein Ton muss nicht nur in der organadäquaten Frequenz, sondern auch mit entsprechender Lautstärke an unser Ohr dringen, um von uns wahrgenommen werden zu können.
Unterschiedsschwelle
Damit ein Unterschied zwischen zwei Reizen wahrgenommen werden kann,
muss dieser eine bestimmte Größe erreichen.
Die Unterschiedsschwelle ist je nach Sinnesgebiet unterschiedlich groß,
aber innerhalb des Sinnesgebietes relativ konstant.
Sie wird in Prozent zum Ausgangsreiz angegeben:
ca. 25% bei Geschmack
ca. 9% bei Lautstärke
ca. 0,3% bei Tonhöhe
Beispiel: Wir hören ein Geräusch mit 30 dbA. Wir können ein Folgegeräusch also nur als unterschiedlich laut zum vorherigen erkennen, wenn es mindestens 33 dbA laut ist.
2.2 Die Struktur der Wahrnehmung
Raum, Zeit und Gestalt strukturieren die Wahrnehmung.
2.2.1 Die Raumwahrnehmung
Die Gegenstände bzw. Objekte, die wir wahrnehmen, befinden sich in einem Raum. Das Erleben dieses Raums entspricht aber nicht dem geometrischen Raum.
Grundlage des Raumerlebens ist das Tiefensehen: Unsere Augen sehen
die Welt aus leicht unterschiedlichen Positionen (Abstand zwischen den
Augen ca. 7 cm). Außerdem können wir durch die Augenbewegung
den Blickwinkel stark verändern (Konvergenz der Augen!). Schatten,
Perspektive und Struktur der Elemente komplettieren die optische Tiefenwahrnehmung.
Tiefentäuschung
durch Textur
Nicht nur das Sehen, sondern auch das Gehör, der Tastsinn und das
Gleichgewichtsorgan des Innenohrs tragen zum Raumerleben bei.
Überlegung: Ist die Raumwahrnehmung angeboren oder gelernt oder sowohl als auch?
Zu dieser Frage zwei Versuche:
| Der Daumensprung-Versuch: Fixieren Sie mit ausgestrecktem Arm und hochgerecktem Daumen sowie geöffneten Augen einen Punkt im Hintergrund. Bewegen Sie dabei Ihren Arm leicht auf- und abwärts. Schließen Sie nun zuerst nur das linke und dann nur das rechte Auge. Was ist passiert? Der Daumen ist auf eine Seite "gehüpft." Wenn beim Daumensprungversuch beim Schließen des rechten Auges der Daumen nach rechts hüpft besteht eine Rechtsdominanz und umgekehrt. Erklärung: Wir haben nicht nur zwei unterschiedliche Bilder im linken und rechten Auge, sondern darüber hinaus ist eines von beiden dominant (Okulare Lateralität). Versuche mit Prismenbrillen: |
2.2.2 Die Zeitwahrnehmung
Zeitliche Perspektive entwickelt sich aus der Interaktion wiederkehrender Bedürfnisse mit Umwelteinflüssen im Sinne einer Konditionierung. Die Erwartung einer früher bereits erlebten Bedürfnisbefriedigung stellt den Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft her. Beim Menschen ist diese Perspektivität erst ca. im 8. Lebensjahr voll ausgebildet.

| Versuch: In einer Schulklasse wurde ein objektiv gemessenes Zeitintervall von 80 sek zur subjektiven Einschätzung aufgegeben. Die subjektiv empfundene Zeit dauerte durchschnittlich 115 sek!. Die Schätzungen streuten von 30 bis 315 sek! |
Man kann also grundsätzlich die objektiv messbare Zeit von
der subjektiv empfundenen Zeit unterscheiden. Beide unterscheiden
sich von der EINSTEIN`schen Raum-Zeit.
Die Psychologie interessiert sich vor allem für die subjektiv wahrgenommene
bzw. erlebte Zeit.
Wesentliche Elemente beim Zeiterleben sind:
| Biologische Rhythmen (Bunkerexperimente
-> Circadianer Rhythmus)
Moment: Mensch 1/16 sek, Schnecke ¼ sek, Hai 1/40 sek. Jene Zeitspanne, die es Lebewesen ermöglicht, einlaufende Informationen als voneinander getrennte Datenpakete zu erleben. Innerhalb dieses Moments werden alle Informationen zusammengeworfen. Beispiel: Wird ein Mensch öfter als 16 18 mal pro Sekunde an einer Stelle berührt, so erlebt er eine durchgehende Berührung. Präsenzzeit: gerade erlebte Gegenwart, zwischen 4 und 20 sek; jene Zeitspanne, die wir unmittelbar erleben und ohne Anstrengung erinnern können Reizfülle pro Intervall. Motivation+Emotion: Die Befindlichkeit bestimmt das Zeiterleben mit. Alter und persönliche Einstellung: z. B. zur eigenen
Vergänglichkeit |
2.2.3 Bewegungswahrnehmung
Bewegungswahrnehmungen sind mit der Zeitwahrnehmung eng verknüpft.
Auch das sensorische Gedächtnis
spielt eine entscheidende Rolle.
Versuche:
a) Müssen Sie ihr Gedächtnis bemühen, um die soeben gestellte
Frage - die sie gerade lesen - zu erinnern?
b) Bewegen Sie einen Bleistift/Füllhalter vor ihren Augen von links
nach rechts. Warum wissen sie, wo er sich kurz zuvor befunden hat?
Bewegungen werden als durchgehend erlebt, wenn mindestens 16-18 Bilder
pro Sekunde auf die Netzhaut treffen.
| Zeitlupeneffekt: sehr viele Bilder pro
Sekunde (Superzeitlupenkamera ca. 5000 Bilder/sek) werden aufgenommen
und in Normalgeschwindigkeit (25-100 Hz) abgespielt, z. B. Sport. Zeitraffereffekt: sehr wenige Bilder pro Sekunde werden aufgenommen und in Normalgeschwindigkeit abgespielt, z. B.: Öffnen einer Blüte. |
Die Bewegungswahrnehmung ist auch abhängig von:
| Augen- und Kopfbewegung: Der Kopf folgt unwillkürlich der Blickrichtung (Orientierungsreflex!) | |
| Körperbewegung: Wenn der Wahrnehmende sich selbst bewegt, ändert sich das Bild erheblich. | |
| Umgebungsbewegung: bewegte Objekte der Umgebung verändern das Bild, siehe auch Bewegungstäuschungen. |
2.2.4 Die Gestaltwahrnehmung
Die Welt (Innen- und Außenwelt) wird nicht als eine Summe isolierter Elemente wahrgenommen, sondern in geordneten Ganzheiten, Gestalten, Bildern.
Beispiele:
Melodie, Mosaik, geometrische Figuren, Vorstellungen, Bilder, Gesichter,
Körper, ...
Wahrnehmungsgestalten haben folgende Eigenschaften. Sie sind:
- übersummativ:
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, z. B. Bild, Text, Gesichtsausdruck.

Was sehen Sie? Warum?
- transponierbar:
übertragbar, z. B. Melodie, Mosaik
C - E - G - E, alle Einzeleinheiten werden verändert zu D - Fis - A Fis
Melodie (Gestalt) bleibt erhalten, erkennbar - prägnant:
hervortretend, auffallend, z. B. RUBINscher Becher
Zwei
Gesichter oder ein Pokal?
- kohärent:
Die einzelnen Elemente werden als zusammengehörig wahrgenommen. Diesen Effekt bewirken die sogenannten Kohärenzfaktoren:
- Kontur/Geschlossenheit
Was sehen Sie? Warum?
Das Gesicht bzw. die Mimik bestehen nur aus wenigen Informationen, die restlichen werden subjektiv ergänzt.
- Ähnlichkeit/Identität
Sehen Sie Zeilen oder Spalten? - Kontinuität

Warum sehen Sie hier orange Flächen und eine schwarze Wellenlinie? Es könnte auch ganz anders sein! - Nähe (räumlich und zeitlich)
· · · · · · ·· · · · · · ·
· · · · · · ·
· · · · · · ·
Welche Punkte würden Sie gruppieren? Sehen Sie Zeilen oder Spalten? Warum?
- Erfahrung (Verbindung zu Bekanntem)
Welche
Gestalt(en) können Sie erkennen?
Die Assoziationen bei der aktuellen Wahrnehmung hängen stark mit den bisherigen Lernprozessen zusammen!
2.3 Intrapersonale Einflüsse auf die Wahrnehmung
Im folgenden Kapitel geht es um innere Einflüsse auf die Wahrnehmung. Dabei spielt die jeweils subjektive Lebenserfahrung eine wesentliche Rolle.
2.3.1 Erfahrung und Erinnerung
Unsere Wahrnehmung wird von Lernprozessen stark beeinflusst. Jeder setzt auf Grund seiner Erfahrungen und Erinnerungen unterschiedliche Schwerpunkte. Daraus ergeben sich individuelle und kulturelle Unterschiede auch beim Wahrnehmen.
aus: c´t
Unterschiedliche Gewohnheiten ergeben ein individuelles ADAPTIONSNIVEAU:
Dies ist ein subjektiver Beurteilungsmaßstab zur Einschätzung
eines Reizes (z. B. unterschiedliche Einschätzung von Gewichten,
je nach Gewöhnung, z. B. Student, Bauarbeiter.
2.3.2 Einstellung und Erwartung
2.3.2.1 Einstellungen:
Kurzfristige Einstellungen: "sets", z. B. Tasse halbvoll bzw.
halbleer?
Langfristige Einstellungen: "attitudes", z. B. Stereotype (Meinungen und Überzeugungen über Gruppen) sowie Vorurteile (negative Stereotype).
| Was macht es schon für einen Unterschied,
ob eine des Mordes bezichtigte Person mit Vornamen "Matthew"
oder "Wayne" heißt? Es kann sein Schicksal vor Gericht bestimmen, und zwar just durch jene, die wachsam sein müssen gegen Vorurteile: Ein britischer Psychiater hat 464 Kollegen mit einem fingierten Mordfall getestet, sie sollten auf Grund einer schriftlichen Tatbeschreibung den Täter beurteilen: Hieß er wie ein braves Oberschichtkind "Matthew," wurde er milde beurteilt, die Psychiater sahen ihn als Kranken, der Hilfe braucht. Hieß er aber "Wayne," brachte ihn der Unterschichtname in Verdacht des Drogenmissbrauchs. |
2.3.2.2 Erwartungen:
Erwartungen werden häufig aus persönlichen Erfahrungen abgeleitet.
Erwartungen sind Vorstellungen von Zielen bzw. möglichen Ereignissen.
Diese beeinflussen nicht nur die Emotionen und die Motivation von Menschen,
sondern vorerst die aktuellen Wahrnehmungen.
Erwartungseffekt = "self-fulfilling-prophecy"(SFP) = Rosenthal-Effekt = Pygmalion-Effekt:
Die Erwartung einer Person bezüglich der Leistung einer anderen
Person bewirkt oft das Erwartete, gerade in Erziehungssituationen!
2.3.3 Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsabwehr
Test mit sogenannten Tabuwörtern zeigte, dass die Testperson "bedrohliche"
Wörter aus tabuisierten Bereichen entweder ganz leise oder gar nicht
vorlas.
Ein praktisches Beispiel für Wahrnehmungsabwehr: Im Kino bei furchterregenden
Szenen wegschauen.
Die Aufmerksamkeit kann genauer bestimmt werden durch die Koordinaten
"Weite"(W) und "Aktivierungsgrad"(A):

Beim Schaufensterbummel gibt es ein weites Feld der Aufmerksamkeit, der
Aktivierungsgrad ist nicht besonders hoch. Bei einer schwierigen Prüfung
ist es umgekehrt.
2.4 Wahrnehmungstäuschungen
Abgesehen davon, dass die menschliche Wahrnehmung auch Bezug auf eine vorhergegangene Information nimmt, kann es bei der Wahrnehmung zur fehlerhaften Verarbeitung äußerer Reize (Sinnestäuschungen) kommen. Diese können optischer, akustischer oder haptischer Natur sein.
2.4.1 Optische Wahrnehmungstäuschungen
Geometrische

Tiefe:
M.C.
Escher, Hände
Bewegungstäuschungen:

andere Beispiele:
"Hexenschaukel" auf Rummelplätzen: Die Umgebung einer fixierten Schaukel wird bewegt --> Eindruck der Eigenbewegung; manchmal so stark, dass Schwindelgefühle auftreten.
Ein abfahrender Zug auf dem Nebengeleise erweckt den Eindruck der Eigenbewegung.
Baustellenabsicherung: seriengeschaltete spots erzeugen den Eindruck einer durchgehenden Bewegung des Lichts.
| Auto-Kinetisches-Phänomen: Ein Lichtpunkt
wird in einem absolut dunklen Raum an die Wand projiziert. Nach einigen
Sekunden der Betrachtung beginnt dieser sich scheinbar zu bewegen. Erklärungen: a) "Augenzittern" durch Ermüdung. b) Das Gehirn schafft Reize aus Langeweile, wegen Reizarmut. |
Erinnern Sie sich? Bewegungseindrücke entstehen auch bei Kontrasttäuschungen!
Sonstige
Hase
oder Ente?
alt
oder jung?
2.4.2 Wahrnehmungstäuschungen in anderen Sinnesgebieten
akustische Täuschungen:
-Pseudophon:
Beim Pseudophon werden -wie auf dem Bild leicht zu erkennen ist - alle Schallphänomene seitenverkehrt zum Rezeptor geleitet. Dies führt zu verblüffenden Wahrnehmungsproblemen.
-Schallgeschwindigkeit ändert sich je nach Schallträger: Luft ca. 300 m/sek, Wasser ca. 1500m/sek. Wir unterschätzen daher die Entfernung einer Schallquelle unter Wasser.
-Lautstärke: Je lauter eine Schallquelle, desto kürzer wird deren Entfernung eingeschätzt.
haptische Täuschungen: den Tastsinn betreffend
siehe 3-Schalen-Versuch
Zeittäuschungen: Alter, Motivation/Emotionen

McKay-Figur